Textilfernhandel

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Für das Appenzellerland war die Verarbeitung von Textilprodukten (Weberei, später Stickerei) schon früh ein wichtiger Erwerbszweig. Erst ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde, insbesondere von den Familien Zellweger in Trogen und Wetter in Herisau, auch ein selbständiger Textilfernhandel aufgebaut. Diesen betrieben auch Kaufleute aus Speicher.

Gebrüder Schläpfer - die Pioniere[Bearbeiten]

In Speicher sind es die Söhne des Bauern, Hauptmanns und Landesfähnrichs Michael Schläpfer (1647 - 1724), die sich an den Unternehmenszweig des Textilfernhandels wagten.

Bartholome Rechsteiner schreibt in seiner Chronik (Exemplar Speicher) auf Seite 332: „Anno 1740 hate es nach keine handeslhäusser hier gehabt, die in andere Länder oder an messen ihre Waren gesandt oder verkaufft, die ersten waren die Brüder Mathias und JB Schläpfer, Bauernsöhn, die wohl kentnus von der Leinwand, aber von der handlung keine gehabt, so das sie schlechte schreiber, und keine Korrespondenz imstand waren zu führen, und doch wagten sie ess, eine Handlung nach Italie und Genua einzurichten. Sie associerten sich mit Johanes Schläpfer, dessen Vermögen der Handlung Credit gab, und die beste Anleitung gab ihnen Hr. Höger, von St. Gallen (….) und ein gelehrter Kaufmann sonst war, diesen hatten sie als Schreiber und Buchhalter, und ess gelang Ihnen, da sie viel Waaren absetzen konnten, und zu einem grossen Handelshaus alsobald anwachsen.“

Unteres Kaufhaus 1.jpg
Die beiden Brüder Mathias und Jacob Schläpfer waren also, obwohl kaum des Schreibens mächtig, die Gründer des Unternehmens. Der nicht mit ihnen verwandte Johannes Schläpfer-Gonzenbach war ihr Kreditgeber und Teilhaber, ein Högger aus St. Gallen führte Korrespondenz und Buchhaltung. Gegründet wurde das Unternehmen mit einer Zweigstelle in Genua im Jahre 1750. Bereits 1752 errichteten sie anstelle eines 1733 erbauten Bauernhauses das Untere Kaufhaus im Herbrig (50 Meter östlich vom Bahnhof am Herbrigsteig).

Aufstieg und Fall[Bearbeiten]

Johannes und Jacob Schläpfer waren vorwiegend in Genua tätig, Mathias in Speicher. Das Unternehmen handelte mit Leinengeweben, reinen Baumwolltüchern und bedruckten Geweben, nach Rechsteiner „… Stauchen, Leinwand, barchet, mugga, farb- und getruckte Waaren und in Kapen, Strümpf und auch vielen frömden Articklen, …“ Nach sehr erfolgreicher Geschäftstätigkeit trennten sich 1765 die Brüder Mathias und Jacob Schläpfer von ihrem Partner Johannes Schläpfer und verbanden sich mit den ebenfalls im Textilhandel tätigen Brüdern Honnerlag aus Trogen. Diese Zusammenarbeit endete aber bereits 1768. Mathias Schläpfer, der „wegen seiner Gemeinnützigkeit und Rechtlichkeit (ein) sehr geachteter Mann war“, starb 1776, sein Bruder Jacob 1779 als „unverheirateter Sonderling.“

Neugründung[Bearbeiten]

Oberes Kaufhaus.JPEG

Johannes Schläpfer-Gonzenbach schloss sich nach der Trennung von den Brüdern Schläpfer mit A. Vigo, dem Genueser Geschäftspartner aus dem vorherigen Unternehmen zusammen, nachdem er schon 1764 eine Niederlassung in Lyon eröffnet hatte. Dieselben Produkte wie vorher wurden nach Frankreich, Italien und Spanien exportiert. Offenbar liefen die Geschäfte gut, denn 1770 baute Schläpfer das Obere Kaufhaus, welchem vorerst nur der dem Gasthaus Hirschen angebaute Stadel weichen musste (Der Hirschen wurde 1845 wegen Umbaus und Vergrösserung des Oberen Kaufhauses ins Gfeld nach Trogen versetzt). 1792 kaufte Johannes Schläpfer auch noch das Untere Kaufhaus, das damals infolge Verschuldung der Besitzerin günstig zu haben war.

Heiratspolitik[Bearbeiten]

Nachdem A. Vigo 1783 in Genua gestorben war, traten dessen Sohn und der bereits seit längerem in der Firma tätige Johann Ulrich Sulzer aus Winterthur in das Unternehmen „Jean Schläpfer & Cie.“ ein. Sulzer stammte aus der Gründerfamilie der „Gebrüder Sulzer“, gehörte somit zur dortigen Oberschicht. Geschäftsbeziehungen zwischen Speicher und Winterthur bestanden offenbar bereits in 1760-er-Jahren. Belegt ist, dass sich Sulzer schon 1770 in Speicher aufhielt (Geschäftskorrespondenz Jacob Bidermann aus Winterthur). Da lernte er wohl Katharina Schläpfer, Tochter des vormaligen Geschäftspartners Mathias Schläpfer, kennen, die er 1778 heiratete. Als Taufpatin ihrer Kinder ist mehrmals Anna Barbara Gonzenbach, die Ehefrau von Johannes Schläpfer aufgeführt, als Taufpate auch ein Bruder von Johann Ulrich Sulzer. Anna Barbara Gonzenbach stammt aus der Oberschichtfamilie Gonzenbach in St. Gallen, sie war die Tochter des Junkers und Gerichtsherrn Georg Leonhard Gonzenbach. Johannes Schläpfer starb 1802, 76 Jahre alt und hinterliess ein beträchtliches Vermögen von 150’000 Gulden. Firma und Liegenschaften gingen an seinen Sohn, Georg Leonhard Schläpfer (1766 - 1840) über. Dieser heiratete Anna Hirzel, Tochter des Zürcher Seckelmeisters Hans Kaspar Hirzel und der Anna Magdalena Escher. Georg Leonhards Sohn Johannes (*1800) heiratete 1826 Anna Hirzel, wohl auch aus der Zürcher „Hirzel-Dynastie“ stammend. Ebenso wie die Zellweger aus Trogen pflegten also auch die Schläpfers aus Speicher engen Kontakt zu den einflussreichsten Familien von Zürich, Winterthur und St. Gallen.

Dem Volkswohl verpflichtet[Bearbeiten]

Kurz vor dem Tode von Johannes Schläpfer spürte die Firma die Auswirkungen der Französischen Revolution in Form von massiven Umsatzeinbussen. Johann Ulrich Sulzer zog sich noch rechtzeitig zurück - Rechsteiner: „Hr. Sulzer wusste sich auss dieser Handlung zuziehen, alss dieselbe über die Revolution anfangte zu sincken, und machte sicheres Capital, der Hr. Sohn aber, der weniger weit sahe, übernahm die Handlung allein, die Franzosen eroberten Genua, die Handlung wurde gesteckt und bekam grossen Schaden durch Verluste.“ Georg Leonhard Schläpfer behielt die Aussenstation Genua bis zu seinem Tod, engagierte sich aber auch in Speicher auf vielfältige Weise, so gründete er 1819 zusammen mit dem Sohn von Landammann Johann Jacob Zuberbühler die Ersparniskasse Speicher, ein Jahr später war er Gründungsmitglied der Sonnengesellschaft, zusammen mit dem eben genannten Johann Ulrich Zuberbühler und Johann Heinrich Tobler.

Text: Peter Abegglen, 2017 nach Katharina Baumann, Ein Dorf in Bewegung, 2009

Weitere Handelshäuser[Bearbeiten]

Bartolome Tanner führt in seiner Chronik noch weitere Handelshäuser auf, die von Kaufleuten aus Speicher betrieben wurden. Sie sind beredtes Zeugnis davon, wie Erfolg und Misserfolg oft nahe beieinander liegen.

Handelsgeschäft Bartholome Nänni[Bearbeiten]

Das Handelsgeschäft von Bartholome Nänni wurde um 1750 gegründet, existierte aber nicht sehr lange. Wohl deshalb kehrte Nänni von einer Messe in Bozen nicht mehr nach Speicher zurück, sondern begab sich direkt nach England.

Handeshaus „Graf & Änderli"[Bearbeiten]

Noch schlimmer erging es dem Handeshaus „Graf & Änderli."1780 gegründet, exportierten sie, ohne über unternehmerische Fähigkeiten zu verfügen, Waren nach einer Zweigstelle in Genua. Mit dem Bau des Hauses von Laurenz Graf auf dem Kirchenplatz (Haus Schönbühl, 1853 nach St. Gallen versetzt) in Speicher, welches 23'000 Gulden kostete, leiteten sie schon zum Anfang ihrer Handelstätigkeit den Ruin ein. Nachdem beim Start das Vermögen mehr als aufgebraucht war, mussten sie schon nach vier Jahren ihr Geschäft schliessen, weil sie mit 80'000 Gulden im Minus lagen. Graf starb 1816 trotz allem als grundehrlicher Mann. Seine neuen Kreditoren erhielten wegen der grossen Verschuldung nur noch 8 Kreuzer pro Gulden.

Handelsgeschäft Johann Conrad Tobler[Bearbeiten]

Besser erging es dem Geschäft von Seckelmeister Johann Conrad Tobler aus Heiden, welcher im November 1800 das Haus von Laurenz Graf für nur 10'200 Gulden gekauft hatte. Tobler erwarb sein kaufmännisches Wissen im Handelshaus der Zellweger in Trogen und Lyon. Er handelte, nun in seiner eigenen Firma, mit importiertem englischem Garn, das ab 1780 auf Spinnmaschinen wesentlich billiger und zudem in besserer Qualität hergestellt wurde. Tobler wurde dabei ungemein reich, zeigte sich dabei aber sehr wohltätig. Obwohl er 1803 das Bürgerrecht von Speicher erhielt, wohl aus Dank für „grosse Gaben an die Kirche, eine Feuerspritze und Anderes“ (Tanner), verzichtete er 1809 wieder darauf, weil an der Kirchhöre seine Form für die neue Kirche dem Vorschlag seines Namensvetters Johann Heinrich Tobler vorgezogen wurde. Sein Vermögensnachlass wurde auf über 1 Million Gulden geschätzt. Er starb 1825 in Speicher. Seine Wohltätigkeit dem Gemeinwesen gegenüber zeigte sich beispielsweise darin, dass er 1820 ein an das Waisenhaus grenzendes Heimwesen kaufte und es der Gemeinde schenkte, im Testament bedachte er für Speicher das Schulwesen, das Kirchengut und die Armen der Gemeinde.

Handelshaus Johann Ulrich Rüsch[Bearbeiten]

Johann Ulrich Rüsch auf der Röhrenbrugg verkaufte anfangs seine Produkte an Kaufleute in St. Gallen. Da die Kaufleute aber keine fehlerhaften Stücke kauften, wandte er sich für deren Absatz an Juden oder französische Kaufleute. Von diesen erhielt er selbst für schadhafte Ware oder Restposten den besseren Preis, als anderswo für gute Qualitätsstücke. Dies ermunterte ihn dazu, seine Fabrikate bei den Franzosen abzusetzen. Obwohl er durch die Französische Revolution schwere Verluste erlitt, ging es ihm im Ganzen doch sehr gut. Er machte immer umfangreichere Warenlieferungen nach Frankreich und später auch nach Italien. Ein Warenlager in Bayonne an der spanischen Grenze erlaubte ihm, den Handel nach Spanien auszudehnen. Die Geschäfte in Bayonne leitete von 1804 bis 1817 stets einer seiner Söhne. Einer davon, Joh. Bartholome Rüsch, hielt sich von 1804 bis 1810 in Bayonne auf. Er hatte 1808 die Gelegenheit, Kaiser Napoleon, der sich wegen Angelegenheiten mit der spanischen Krone dort aufhielt, persönlich kennen zu lernen. Als Napoleon die Kontinentalsperre gegen England anordnete und sie 1810 mit grosser Strenge durchsetzte, gab es im Handel viele Widerwärtigkeiten und Verluste, so dass das Büro in Bayonne allmählich verlassen wurde. Der Gründer hatte sein Handelsgeschäft schon 1814 aufgegeben. Dass Rüsch nicht zu den engherzigen Kaufleuten gehörte, beweist der Umstand, dass er 1796 im Namen von 300 Kaufleuten und Fabrikanten vor den Grossen Rat trat, um ein verbessertes Konkursgesetz zu erwirken, welches Fremde wie Einheimische gleichermassen behandeln sollte.

Handelshaus Gebrüder Tobler & Co. von Heiden[Bearbeiten]

1837 fuhr Johann Jakob Tobler von Heiden nach Pernambuco (Brasilien), um eine Niederlassung für seine Kommissionsgeschäfte zu gründen. Später folgte auch Sebastian Tobler nach. 1844 wurde das Geschäft auf den Namen „Schafheitlin und Tobler“ umbenannt, wobei die Gebrüder Tobler immer noch als Associes-Commanditaires beteiligt bleiben. Grösseren Wagemut bewiesen die Gebrüder Tobler & Co. 1843, als sie Leonhard Eugster aus Speicher als Handelsbevollmächtigten nach China sandten, um dort eine neue, ergiebige Absatzquelle für schweizerische Manufakturen zu finden. Er bereiste Hongkong, Canton, Schanghai, u.s.w.. Es zeigte sich aber bald, dass China für appenzellische Industrieartikel völlig ungeeignet war. Leonard Eugster reiste auftragsgemäss nach den Philippinen weiter, um sich in Manila niederzulassen. Dort entwickelte sich der Verkauf unsere Mousselineartikel anfangs scheinbar günstig. Leider kam die Ernüchterung schnell, denn die grossen Warenlieferungen der verschiedenen Hersteller brachten zum Teil  massive Verluste. Zudem täuschte sich das Haus in der Geschäftstüchtigkeit seines allzu unerfahrenen Agenten, dem nun ein zweiter Mann in der Person von Sebastian Tobler aus Heiden zur Seite stehen sollte. Dieser wurde auf der Anreise nach einer fast sechsmonatigen Seefahrt von hohem Fieber ergriffen, wobei er sein Schicksal mit dem Schiffskapitän teilte und in der Nähe der Philippinen auf hoher See starb. 1846 wurde J.C. Labhart aus Steckborn nach Manila gesandt, welcher durch seine grosse Umsicht und Tätigkeit die Geschäfte des Handelshauses in die richtige Bahn zu lenken vermochte. Leonard Eugster fand auf diese Weise die notwendige tatkräftige Unterstützung. Zum Anfang des Jahres 1848 übertrugen die Gebrüder Tobler & Co. ihre Niederlassung in Manila ihren Agenten. Das Geschäft wurde unter dem neuen Namen „Eugster, Labhart & Co.“ weitergeführt.