Ruppen 1831

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Ein Komponist auf "Abwegen"[Bearbeiten]

Felix Mendelssohn Bartholdy gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der Romantik. Seine Tätigkeit als Dirigent brachte eine rege Reisetätigkeit mit sich. Wie viele andere Berühmtheiten, schrieb er auf seinen Reisen Briefe, welche als Reisebriefe erhalten sind.


Kurzversion: Er krähte und jodelte[Bearbeiten]

Kantonsbibliothekarin Dr. Heidi Eisenhut fasste Mendelssohns Erfahrungen im Appenzellerland in der Kolumne "Brosmete" der Appenzeller Zeitung zusammen.

1831, 4. September, St.Gallen: «Die vier Stunden über die Berge von Altstetten hierher waren ein förmlicher Kampf gegen das Wetter», schreibt Felix Mendelssohn Bartholdy. Einen Tag später, in Lindau, vertraut er seinem Tagebuch seine Erfahrung mit dem «Canton Appenzell» an. «Wie da in den Wäldern und Hügeln und Wiesen die Stege aussehen, ist unbeschreiblich.» Er hatte keinen Führer gefunden: «Und so trabte ich denn ganz allein auf Trogen los.» Der Übermut packte ihn, während er durch die Wälder ritt, er hatte «ein wunderliches Gefühl von Unabhängigkeit». Und was macht ein Komponist, der nach langer Reise bei grimmiger Kälte und Sturm und Regen auf einem Pferd dahintrabt und von der Unabhängigkeit erfasst wird? Er kräht und jodelt! Denn nach seiner langen Schweizer Reise konnte er «das Schweizer Krähen und Jodeln perfect.» Er ergänzt in seinem Tagebuch: «So schrie ich denn frisch und sang mir mehrere Jodelcompositionen vor und kam sehr übermüthig nach Trogen.» Aber, oh Schreck, die Leute im Wirtshaus waren «grob und ungezogen», Mendelssohn wollte den Ort unverzüglich verlassen; nur weg von hier, so schnell wie möglich! Es fand sich aber niemand, der ihn bei diesem Wetter begleiten wollte. Er schimpfte auf alle Biederkeit und bekam dann aber doch noch Hilfe – zum Glück. Der Sohn des Boten, der das Reisegepäck tags zuvor nach Trogen gebracht hatte, kam mit ihm. «Die Wege waren entsetzlich glatt, so dass mein Führer vor mir der Länge nach in den Schlamm fiel; – das that alles nichts; wir fluchten und jodelten von Herzen, kamen endlich beim Nonnenkloster vorbei, sangen ihnen ein Ständchen, und gelangten nach St.Gallen.»


Auszüge aus den Reisebriefen[Bearbeiten]

Über seine Erfahrungen mit den schlechten Wegen im Appenzellerland schreibt er in seinen Reisebriefen (Kapitel 7, vom 4. und 5. September 1831): http://gutenberg.spiegel.de/buch/reisebriefe-4431/7

St. Gallen, den 4.ten

Motto: Vous pensez que je suis l'Abbé de St. Gall (Citoyen). Denn so behaglich fühle ich mich jetzt hier nach überstandenem Sturm und Unwetter. Die vier Stunden über die Berge von Altstetten hierher waren ein förmlicher Kampf gegen das Wetter. Wenn ich sage, daß ich was Ähnliches weder erlebt, noch für möglich gehalten habe, so will es noch nichts sagen; aber den ältesten Leuten des Cantons geht's ebenso. – Eine große Fabrik ist zertrümmert, und mehrere Leute umgekommen. Wie ich heute nun noch einmal zu Fuß gehen mußte, und wie ich quer durch Appenzell hierher gelangt bin, aussehend wie Egypten nach den sieben Plagen, das erzähle ich Euch morgen, aus dem letzten Schweizerort; denn jetzt läutet es zum Essen, und da will ich äbtlich tafeln.

Lindau, den 5. September.

… Vier Tage lang hat es unaufhörlich, nur mehr oder weniger heftig, geregnet, es war als ob der liebe Gott verdrießlich sei. – (…) Nun ist's aber sonderbar: muß ich in solchem Wetter zu Fuß gehen, und recht ordentlich davon ausstehen, so macht es mich nicht verstimmt, sondern im Gegentheil, ich freue mich immer, daß es mir nichts anhaben kann. Als ich gestern mit der Post in einer wahren Dezemberkälte in Altstetten ankam, fand es sich, daß keine Fahrstraße nach Trogen war, wohin ich am letzten schönen Tage unglücklicherweise meinen Mantel und Bündel geschickt hatte. Haben mußte ich es den Abend, denn die Kälte war grimmig; also besann ich mich nicht lange, stieg noch einmal, zum letztenmale, über die Berge, und kam in den Canton Appenzell. Wie da in den Wäldern und Hügeln und Wiesen die Stege aussehen, ist unbeschreiblich; einen Führer hatte ich nicht finden können, weil gerade Sonntag und Kirche war; auf dem ganzen Wege begegnete mir kein Mensch; sie waren alle in die Häuser gekrochen, und so trabte ich denn ganz allein auf Trogen los. Wenn man da etwa durch einen Wald kommt, bei solchem Wetter, und bei solchen Wegen, da glaubt Ihr gar nicht welch wunderliches Gefühl von Unabhängigkeit man hat. Noch dazu kann ich jetzt das Schweizer Krähen und Jodeln perfect; so schrie ich denn frisch, und sang mir mehrere Jodelcompositionen vor, und kam sehr übermüthig nach Trogen. Da waren die Leute grob und ungezogen im Wirthshaus, und so sagte ich höflich: laßt Euch hängen, ich geh' weiter, und nahm die Karte heraus, und fand, daß St. Gallen der nächste ordentliche Ort war, und noch dazu der einzige praktikable Weg. Nun wollte aber kein Mensch mitgehen in dem furchtbaren Wetter; da wollte ich es selbst tragen, und schimpfte auf alle Schweizer Biederkeit. Gleich kam aber das Gegenstück, wie es denn oft zu gehen pflegt. Den Boten nämlich, von dem ich meine Sachen abholen mußte, traf ich in seinem wundernetten, neugezimmerten Hause, und da war die wirtliche, rechte Schweizerwirthschaft, wie man sie sich denken soll. Er saß mit seiner ganzen Familie um den Tisch; das ganze Haus so reinlich, und warm; die Stube geheizt; der alte Bote kam mir entgegen, und gab mir die Hand, nöthigte mich zum Sitzen, schickte im ganzen Ort nach einem Träger, oder Wagen für mich herum, und da keiner fahren und gehen wollte, gab er mir endlich seinen Sohn mit. Um mein Bündel zwei Stunden weit zu tragen, ließ er sich zwei Batzen bezahlen; ein wunderschönes, blondes Töchterlein saß am Tisch und arbeitete, – die alte Mutter las in einem dicken Buch; der Bote selbst in den neuesten Zeitungen – es war prächtig. Als ich fortging war es, als wollte das Wetter sagen: »wenn Du trotzen willst, kann ich's auch,« denn es fing mit verdoppeltem Grimm zu wüthen an. Es war zuweilen, als packe eine Faust den Regenschirm, und schüttle ihn, und drücke ihn zusammen; mit den steifen Fingern konnte ich ihn kaum festhalten; die Wege waren entsetzlich glatt, so daß mein Führer vor mir der Länge nach in den Schlamm fiel; – das that alles nichts; wir fluchten und jodelten von Herzen, kamen endlich beim Nonnenkloster vorbei, sangen ihnen ein Ständchen, und gelangten nach St. Gallen. – … Felix.

Text: Peter Abegglen Februar 2017