Maskenfabrik Müller

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Spezialfabrik für feine Wachsmasken und Dominomasken

Der Ursprung[Bearbeiten]

1867 verkauft Adelrik Oechslin seine Maskenfabrik an Dominik Kälin aus Einsiedeln, der sie wiederum 1906 an seine Hausangestellte Berta Kromer weiterverkaufte. Durch die Heirat mit Robert Schupp aus St Gallen wurde die Fabrikation im Jahre 1910 dorthin verlegt.

Am 8. Oktober 1920 ernennt der damalige Besitzer, Tapezierer Robert Schupp, seinen Sohn Josef Schupp zum Prokuristen und zieht mit der Maskenfabrikation nach Speicher in das Fabrikationsgebäude der ehemaligen Bobinerie (Spulerei) Jakob Sprenger im Oberen Bendlehn 28.

Erst am 16. Mai 1925 findet sich ein Handelsregistereintrag im Kanton Ausserrhoden, aus welchem hervorgeht, dass sich der Firmensitz neu in Speicher befindet.

Friedrich Müller kauft Maskenfabrik[Bearbeiten]

Meldung des Handelsregisters

Am 11. Juni 1927 kauft Friedrich Müller den Gebäudekomplex der Maskenfabrik (Fabrikantenhaus, Kutscherhaus und Fabrik) an der Kreuzgasse und lässt sie im Handelsregister als Firma "Friedrich Müller" eintragen. Die Firma stellt weiterhin die originalen Wachs- und Fasnachtsmasken her.

Die verschiedenen Gebäude existieren noch heute und tragen die Hausnummern "Oberer Bendlehn Nr.28, Nr.30 und Nr.32".

Der 1902 geborene Friedrich Müller, ein Kaufmann aus Gersau am Vierwaldstättersee, war nach der Lehrzeit ausgewandert, um in der "Fremde" nicht nur Arbeit, sondern auch seine Selbständigkeit zu finden. In Speicher lernte er die aus Lachen SZ stammende Rosa Diethelm kennen und heiratet sie 1936. Drei Kinder werden geboren: Dionys 1937, Urs 1940 und Pia 1947.

Mit der Heirat kommen zwei Menschen aus Ortschaften mit grosser Fasnachts-Tradition zusammen. Das war natürlich förderlich für die Entwicklung der schon bald schweizweit bekannten und berühmten "Maskenfabrik Müller".
Schon bald arbeiten hier rund 20 Arbeiter und Arbeiterinnen, welche zum Teil in Heimarbeit beschäftigt sind.

Im Sommer 1948 wurden die technischen Einrichtungen vollständig ersetzt, so dass die Leistungsfähigkeit der Fabrik eine nochmalige und bedeutende Steigerung erfuhr, um auf die immer grösser werdenden Bestellungen der Kundschaft reagieren zu können.

X-tausende der originellen Qualitätsmasken verliessen jährlich den Betrieb in alle Richtungen der Schweiz und ins Ausland. Während des 2. Weltkrieges fiel der Export komplett in sich zusammen und konnte anschliessend nur mühsam wieder angekurbelt werden.

Der Patron stirbt[Bearbeiten]

1951 stirbt Friedrich Müller im Alter von nur 49 Jahren ganz überraschend an einem Schlaganfall. Zusammen mit seinem Sohn wollte er nach Basel an die Mustermesse reisen. Die Reise mit der Bahn war aber nur von kurzer Dauer, denn bereits zwischen Bendlehn und Speicher ereilte ihn das traurige Schicksal.

Als Vorstandsmitglied des Feld- und Vögelinsegg-Schützenverbandes sowie der Männerriege, wo er vor allem Faustball spielte, war er dem Dorfleben sehr verbunden. Das mag auch der Grund gewesen sein, dass die Trogenerbahn ihn 1950 zum Verwaltungsrat gewählt hatte.

Rosa Müller führt das Geschäft[Bearbeiten]

Nach seinem plötzlichen Hinscheiden führte Rosa Müller ihr gemeinsam aufgebautes Lebenswerk während 23 Jahren weiter.
Sie bereiste und belieferte als Geschäftsfrau fast in der ganzen Schweiz Papeterien, Spielwarengeschäfte, Coiffeure, Warenhäuser und Grossverteiler mit "Müller-Masken". Das Tessin blieb aber stets aussen vor.

Rosa Müller reiste auch jedes Jahr an die Fachmesse in Nürnberg, wo sie Perücken, Nasen, Bärte, Schnäuze, Neckwädel, usw., also Zubehör für ihr Geschäft einkaufte.

Auf diese Geschäftsreisen durfte während der Ferienzeit auch ihre Tochter Pia mitfahren. Sie erinnert sich daran, dass sie in Genf im Hotel gewohnt hätten, wo sie zum Frühstück "cafe complett" bestellen konnten. Das waren zu jener Zeit fast unvergesslich schöne Jungenderinnerungen.
Auch die Reise nach Nürnberg an die Spielwarenmesse ist geprägt von Eindrücken, welche ihr die Firma "Steiff" mit ihren "Knopf im Ohr - Felltieren" hinterlassen hatte.

Wie sich ihre Kindheit in so einer Maskenfabrik angefühlt hat, erzählt Pia Müller hier:

Um mit den Anforderungen der Zeit zu gehen, erbaute Rosa Müller einen Bürotrakt zwischen Kutscherhaus und Fabrikgebäude. Hier konnte sie nun ihre Geschäfte abwickeln und musste nicht wie früher im kühlen Erdgeschoss des Fabrikantenhauses arbeiten.

Was wurde in Speicher überhaupt hergestellt[Bearbeiten]

Die Maskenfabrik Friedrich Müller in Speicher war zu jener Zeit der besteingerichtete und leistungsfähigste Betrieb dieser Branche in der Schweiz. Es wurden nur erstklassige Qualitätswaren wie Domino-, Wachs- und Gazemasken sowie andere Karnevalsartikel hergestellt. Zur Kundschaft zählten die bedeutendsten Häuser in der ganzen Schweiz.

Die Ideen für neue Masken- oder Larventypen kamen meist von Maskengestaltern aus Basel und Lachen SZ.
In der Regel wurden jährlich 10 bis 15 Vorschläge entwickelt. Daraus konnten aber nur fünf bis sechs neue Modelle realisiert werden. Dazu wurden Mutterformen (Models) aus Gips hergestellt und gebrannt. Pro Maske wurden um die 8 bis 10 Mutterformen benötigt, um die notwendige Menge produzieren zu können.

Pia Müller erinnert sich an die Maskenherstellung:


Arbeiterinnen, hauptsächlich aus Italien, waren in der Produktion über das ganze Jahr hinweg beschäftigt. Sie mussten die Models mit Stoff-Stücken belegen, die man zuvor in einer kleisterähnlichen Klebepappe getaucht hatte. Anschliessend wurde der Stoff durch ziehen, reiben und dehnen in die gewünschte Form gebracht.
Nun wurden die Models auf Heizungsrohre gestellt, damit diese Roh-Masken während rund 24 Stunden trocknen konnten. Dann wurde der überschüssige Stoff abgeschnitten.

Heimarbeiterinnen, meist einheimische Hausfrauen, waren für die Bemalung der Masken zuständig. Ihnen wurde mit den Rohmasken eine fertige Mustermaske mitgeliefert, damit sie genau nach Vorlage bemalt werden konnten.

Die bis zu 150-jährigen Mutterformen der Maskenfabrik Müller:


In der Fabrik zurück wurden die gemalten Masken in heisses Wachs getaucht, daher auch der Name Wachsmaske.

Im gesamten existierten über 600 verschiedene Models (Gesichtsformen), aus denen Wachsmasken und Swiss-Star-Masken aller Art hergestellt wurden:

Wachsmasken[Bearbeiten]

  • Traditionsmasken der Innerschweiz
  • Waggis und der «Ueli» (Vogel Gryff) für Basel
  • Clowns
  • Max und Moritz
  • Bauern
  • Hexen
  • Zwerge
  • Indianer
  • Schwarze (Neger)
  • Tierköpfe
  • eine Vielfalt an Frauengestalten

Spezialitäten-Masken[Bearbeiten]

  • Swiss-Star-Masken, eine 60er-Jahren entwickelte luftdurchlässige Larve
  • Masken für die Röllibutzen in Altstätten
  • Masken für Silvesterchläuse
  • Urner und Schwyzer Original-Wachsmasken
  • Alle Originalfiguren der «Nüssler» aus Schwyz, Steinen, Sattel und teils Brunnen wie: Blätz, Domino, Bajass, Alter Herr, Hudi, Zigeunerin.

Domino-Masken und Zubehör[Bearbeiten]

Domino-Masken waren Halbmasken mit oder ohne Fransen und Behang und sehr beliebt.
Diese Larven wurden einst massenweise produziert, d.h. gegen 40‘000 Domino's verliessen pro Jahr die Fabrik. Als Zubehör wurden auch spezielle Nasen verkauft.

Nachfolge in der Familie geplant[Bearbeiten]

Arbeitszeugnis Rosmarie Flückiger, Sekretärin

Für Rosa Müller war immer klar, dass ihr Sohn Dionys dereinst die Fabrik weiterführen würde.
Leider stirbt auch Dionys 1972 überraschend und viel zu früh mit 35 Jahren.
Ein harter Schlag für die Familie und speziell für Rosa Müller, welche nun in der Nachfolge andere Wege prüfen musste.

Verkauf und Wegzug der Maskenfabrik[Bearbeiten]

Brief von Matthias Weishaupt, Historiker und späterer Landamman

1974 verkauft Rosa Müller schweren Herzens "ihre" Maskenfabrik Müller an die Schappespinnerei Camenzind & Co. in Gersau, wo sie durch ihren verstorbenen Gatten viele persönliche Beziehungen hat. Obwohl Rosa Müller über drei Monate lang in Gersau mithilft und Instruktionen erteilt, ist der neue Inhaber total überfordert mit dem Geschäft der Fasnachtsmasken.

1982 übernimmt der Luzerner Thomas Steiger, der bereits einige Jahre bei Camenzind & Co gearbeitet hatte, zusammen mit seiner Frau die Maskenfabrik.
1988 erfolgte der Umzug nach Steinen, wo Verena Steiger seit 1992 das "Maskenatelier" in eigener Regie führt und wo auch heute noch nach fast hundert Jahren immer noch „Müller“-Masken hergestellt werden.

Die Patronin stirbt[Bearbeiten]

Nach dem Verkauf ihrer geliebten Fabrik wohnt Rosa Müller weiterhin in ihren Haus im Oberen Bendlehn Nr. 32.

Sie hält auch immer Kontakt mit vielen ihren Mitarbeiterinnen aus Italien, die sie regelmassig besuchen kommen.

1986 stirbt auch ihr zweiter Sohn Urs viel zu früh im Alter von 46 Jahren. Nun bleibt ihr nur noch Tochter Pia, welche ebenfalls im Hause wohnt und sie im Alter unterstützen kann.

Am 22.6.2003 stirbt Rosa Müller im Alter von 92 1/2 Jahren.



Quellen:
Geschichte / Erzählung: Pia Müller
Masken: Rosmarie Flückiger
Photos: Pia Müller, Paul Hollenstein, Susan Steiger
Videos: Paul Hollenstein, Mutterformen: Susan Steiger, Steiger-Masken

Text: Paul Hollenstein 2018