Lina Stadlin-Graf - stille Pionierin
Juristin und Redaktorin im Schatten der Männerwelt.
Lina Graf wird am 20. März 1872 in Speicherschwendi geboren. Ihre Mutter hat als Witwe den Landwirt Johann Graf geheiratet. Die beiden Stiefgeschwister mütterlicherseits sind bei der Geburt von Lina bereits fast resp. ganz erwachsen, ihr leiblicher Bruder Johannes ist fünf Jahre jünger.
Lina besucht die Schule in Speicherschwendi (Primarschule) und Speicher (Oberschule = Sekundarschule). Sie muss eine talentierte Schülerin und auch wissbegierig gewesen sein. Ihr Vater setzte sich für eine gute Bildung seiner Tochter ein. Sie besuchte ein Seminar oder Gymnasium, allerdings taucht ihr Name weder auf einer Klassenliste der Kantonsschule St. Gallen, noch des Seminars Rorschach, noch des Töchterinstituts Wilhelmsdorf bei Ravensburg auf, Trogen und Kreuzlingen nahmen zu jener Zeit noch keine Mädchen auf.
Johann Graf - Vater und Förderer
Linas Vater (°1827) spielte eine entscheidende Rolle in ihrem Leben. Er war für seine Zeit sehr belesen, hatte eine umfangreiche Bibliothek, sass im Revisionsrat für die Kantonsverfassung von 1876 und von 1889 -1895 als Liberaler im Kantonsrat. Schon vorher - und wohl entscheidend für die weitere Entwicklung von Lina - war er ab 1865 Mitglied des Gemeindegerichts, später als Kantonsrat Mitglied der Staatswirtschafts- und Justizkommission, Verhörrichter und während vielen Jahren Rechtsvertreter in Streitfällen, wie Gerichtsprotokolle des Bezirksgerichts Mittelland, des Kriminalgerichts und des Obergerichts zeigen. Laien, die damals anwaltschaftliche Tätigkeiten ausübten, bezeichnete man auch als Rechtsagenten. Als solcher hatte er sich im Laufe der Zeit grosses juristisches Wissen erworben, man nannte ihn deshalb auch „Richter Graf“.
Johann Graf erkannte Linas Talent und - eher aussergewöhnlich für die damalige Zeit - förderte sie nach Kräften, zunächst durch den Besuch der Oberschule in Speicher, anschliessend für eine weiterführende Schule (Gymnasium? Seminar?). Dabei dürften ihm persönliche Kontakte zu Bartholome Tanner (bis 1880 Lehrer in Speicherschwendi) und ev. dessen Freund Johann Martin Müller, erster Redaktor der Appenzeller Zeitung und ehemaliger Oberlehrer in Speicher hilfreich gewesen sein. Ebenso kannte er aufgrund seiner Rechtsagententätigkeit bestimmt Eugen Huber, der von 1877 bis 1881 Polizeivorsteher und Untersuchungsrichter in Trogen war. Diese Bekanntschaft dürfte für den späteren Studienentscheid Linas von Bedeutung gewesen sein.
Hörerin - Studentin - Juristin
1891 schreibt sich Lina als Hörerin für das Wintersemester 1891/92 an der juristischen Fakultät der Universität Zürich ein. Es ist möglich oder gar wahrscheinlich, dass Lina Graf der Antrittsvorlesung von Emilie Kempin-Spyri, der ersten promovierten Juristin und Privatdozentin der Schweiz erlebte. Der hartnäckige Kampf von Emilie Kempin-Spyri um Frauenrechte hat vielleicht auch Lina Graf beeinflusst.
Das Zeugnis, das Lina Graf nach ihrem Semester als Hörerin erhält, erlaubt es ihr, sich regulär als Studentin zu immatrikulieren. Sie entscheidet sich für Rechtswissenschaften und zwar an der Universität Bern, wo sie ihr Studium im Jahre 1892 beginnt. Für Bern hat sie sich möglicherweise deshalb entschieden, weil im gleichen Jahr Eugen Huber als Professor nach Bern berufen wurde. Huber, soviel ist bekannt, bewunderte die beachtlichen Rechtskenntnisse der appenzellischen Rechtsagenten resp. Laienrichter aus seiner Zeit in Trogen, Lina Graf dürfte von ihrem Vater von Huber gehört, oder ihn sogar gekannt haben.
Lina ist die erst zweite Schweizerin, die 1895 ihr Jurastudium mit dem Doktortitel abschliesst und zwar „summa cum laude mit Auszeichnung“. Mit ihrem Doktorvater Eugen Huber bleibt sie zeitlebens freundschaftlich verbunden. Er ist Verfasser des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, zu dem auch Lina Graf mit ihrer Doktorarbeit einen Baustein beisteuerte.
Der Studienabschluss von Lina Graf wird sogar in der appenzellischen Presse vermerkt![1][2]
Heirat - Hausfrau - Redaktorin
Nach ihrem erfolgreichen Studium kehrt Lina 1895 für rund zwei Jahre zurück nach Speicherschwendi. Sie hatte die Möglichkeit, als Anwältin zu arbeiten. Ob sie es wollte oder tat, ist nicht belegt. Zu dieser Zeit ist ihr Vater hauptsächlich als Rechtsagent tätig, es ist anzunehmen, dass sie ihren Vater unterstützte. Gestützt wird diese Vermutung durch einen Brief von Camille Vidart, einer führenden Feministin, an den Frauenrechtler Louis Frank vom 30. September 1896, wo es heisst, Lina Graf arbeite mit ihrem Vater in dessen Anwaltskanzlei.
Während des Studiums lernt Lina ihren späteren Ehemann Hermann Stadlin[3] kennen, auch er Jurist mit Doktortitel, allerdings, wie sie später oft schelmisch bemerkte: „nur mit summe cum laude - ohne Auszeichnung!“ Am 2. März 1897 heiraten die beiden in St. Gallen.[4] Aussergewöhnlich für die damalige Zeit, aber vielleicht typisch für das Paar, war ihre Religionszugehörigkeit: Lina war und blieb reformiert, Hermann Stadlin war und blieb katholisch, ein Umstand, der vor allem in der Familie Stadlin und im katholischen Zug nicht gern gesehen war.
Nach der Heirat zieht das Paar mit dem inzwischen geborenen Sohn Kurt nach Zug, wo Hermann Stadlin ein Anwaltsbüro eröffnet. Lina kümmert sich zunächst um den Sohn und das Haus, die Villa Freya. Nachdem Hermann Stadlin die Redaktion des freisinnigen „Zuger Volksblatt“ übernimmt, ist es Lina Stadlin-Graf, die die eigentliche Redaktionsarbeit macht und Beiträge im Namen ihres Mannes schreibt. Hermann Stadlin wechselt später in die Politik, wo er in die Regierung des Kantons Zug gewählt wird, später auch in den Nationalrat (1911 - 1920). Nach seiner Zeit als Regierungs- und Nationalrat wird Hermann Stadlin 1920 Direktor der Schweizerischen Volksbank in Bern, einen Posten, den er 1933 verliert, nachdem die Bank beinahe in Konkurs ging.
Im Namen des Ehemanns und anonym
Lina Stadlin-Graf redigiert von 1902 bis 1920 das dreimal wöchentlich erscheinende„Zuger Volksblatt“, ein Kampfblatt des Freisinns. Offiziell ist Hermann Stadlin der Redaktor. Lina Stadlin-Graf redigiert die Zeitung bestimmt im Sinne und nach Absprache mit ihrem Mann, der die Öffentlichkeit der Knochenarbeit im Büro vorzieht. Die Freiheit, auch Themen aufzugreifen, die nicht unbedingt „Mainstream“ sind, nutzt Lina immer wieder. Sie platziert Artikel zu frauenspezifischen Themen und tritt so mit „feiner Klinge“ für die Gleichberechtigung der Frauen auf allen Ebenen der Gesellschaft ein. Im mehrheitlich konservativen Zug ist öffentlich bekannt, dass solche Beiträge aus der Feder von Lina Stadlin-Graf stammen. Den Konservativen blieb, diese zähneknirschend zur Kenntnis zu nehmen. Wenn Eugen Huber 1915 schreibt: „Sie bleibt bei ihren Sympathien u. ist wieder warm für sie eingetreten.“, dann könnten damit Fragen der Frauenrechte gemeint sein, die sie im Gespräch mit Huber in die Diskussion einbrachte. Es dürfte auch kein Zufall sein, dass die durch die Schweizerische Volksbank im Jahr 1932 gegründete erste finanzielle Beratungsstelle für Frauen in der Schweiz unter die Direktion Hermann Stadlins fiel. Obwohl nicht nachgewiesen, ist zu vermuten, dass die Idee dazu auf Initiative oder sanften Druck von Lina Stadlin-Graf kam.
Zurück zur Rechtsberatung
Zwischen 1920 und 1933 leben Stadlins in Bern, bedingt durch den Direktorenposten Hermann Stadlins bei der Schweizerischen Volksbank. Nach der Entlassung als Bankdirektor zieht das Paar nach Beckenried in das Haus „Seegüetli“ bei der Schifflände. Dort widmen sich beide juristischen Beratungen für Streitereien und Konflikte aller Art in ihrer Wohngemeinde. Damit kehrt Lina Stadlin-Graf zu ihrer ersten juristischen Tätigkeit zurück, die sie zusammen mit ihrem Vater einst ausgeführt hatte.
Lina Stadlin-Graf stirbt am 19.11.1954 in Beckenried, zwei kurz gefasste Nachrufe erscheinen in den Zuger Zeitungen.
Fanny Rohner-Graf, eine Grossnichte von Lina Stadlin-Graf erinnert sich an einen Besuch eines ihr fremden Herrn - es war der Sohn von Lina Stadlin-Graf - der sich nach dem Weg zum Birt (eine bekannte Anhöhe über Speicher) erkundigte: Er müsse dort die Asche streuen, offenbar der letzte Wille von Lina Stadlin-Graf.
Der Doktorhut im Besenschrank
Es gibt kaum ein treffenderes Bild für das Leben von Lina Stadlin-Graf als den Titel des Buchs „Der Doktorhut im Besenschrank.“ Autorin Franziska Rogger beschreibt darin Biographien von Frauen, die bezüglich ihrer universitären Ausbildung Pionierinnen ihrer Zeit waren, ihre Talente und erworbenen Fähigkeiten aber nur selten oder gar nicht anwenden konnten (oder durften).
Lina Stadlin-Graf erlebte nicht mehr, wofür sie sich in Zeitungsartikeln und in Gesprächen mit Juristen zeitlebens leise, aber hartnäckig eingesetzt hatte: Die Stellung und Gleichberechtigung der Frauen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene, was eben nicht nur das Stimm- und Wahlrecht (ab 1971) beinhaltete, sondern auch das Ausüben einer Berufstätigkeit oder das Unterschreiben eines Vertrags, ohne dafür die Einwilligung des Ehemanns einholen zu müssen (bis 1988).
Trotz ihres brillanten Studienabschlusses blieb Lina Stadlin-Graf als Anwältin „unsichtbar“, ebenso als Redaktorin. Dass sie die Öffentlichkeit scheute, mag mit ihrem Charakter zusammen hängen, möglicherweise auch damit, dass sie auf einem Ohr nahezu taub war und sich deshalb in kleinen Gesprächsrunden wohler fühlte. Neben ihrer Redaktionsarbeit befasste sie sich mit philosophischen Fragen und traf sich dazu in engagierten Diskussionsrunden mit Gleichgesinnten.
In einer abschliessenden Betrachtung schreibt Michele Luminati[5] über Lina Stadlin-Graf: „Kann sie als Vorkämpferin oder Pionierin bezeichnet werden? War sie ihrer Zeit voraus? Oder ist sie gescheitert …? Vielleicht wird man ihr gerechter, wenn man sie als charakterstarke Frau betrachtet, die situationsbedingt zwischen gesellschaftlichen Zwängen und individuellen Spielräumen ihren Weg bewusst gegangen ist. …“
- ↑ Appenzeller Zeitung vom 23. Juli 1895: Speicher. An der Hochschule Bern hat Fräulein Lina Graf von Speicher sich den Titel einer Doctorin juris summa cum laude (mit höchster Auszeichnung) erworben. Seit der Promotion von Frl. Kempin ist dies der zweite derartige Fall in der Schweiz.
- ↑ Appenzeller Landeszeitung vom 24. Juli 1895: Fräulein Lina Graf, Tochter des Herrn Kantonsrath Graf in Speicher, hat am 20. ds. in Bern das juridische Doktorexamen mit hoher Auszeichnung bestanden. Wir gratulieren!“
- ↑ Morosoli, Renato: Hermann Stadlin, in: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 24.02.2012, online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/004405/2012-02-24/
- ↑ Appenzeller Zeitung vom 13. Februar 1897 unter „Zivilstands-Mitteilungen, Eheverkündigungen“: Speicher. Hermann Stadlin, Dr. jur., von und in Zug, von Josef und Josefine Kaiser † mit Lina Graf von und in Speicher, von Johs. und Anna Katharina Frischknecht.
Auch in der Appenzeller Landeszeitung vom 17. Februar 1897 wird in der gleichlautenden Eheverkündigung Hermann Stadlin als „Dr. jur.“ aufgeführt, und Lina Graf nur „von und in Speicher“ - ↑ Luminati, Michele: Lina Graf. Erste Anwältin der Schweiz? Geschichte einer Abwesenheit, in: Müller, Karin und Schwarz, Jörg (Hg.): Auf zu neuen Ufern! Festschrift für Walter Fellmann, Bern 2021, S. 587–603;