Goldrausch in Australien: Unterschied zwischen den Versionen

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Die Auswanderer, welche nur Arbeit und nicht Selbstständigkeit suchten, fanden hauptsächlich in der Landwirtschaft eine Anstellung, auch Jakob wird auf der Immigrationsliste als *agriculturist“ geführt.
Die Auswanderer, welche nur Arbeit und nicht Selbstständigkeit suchten, fanden hauptsächlich in der Landwirtschaft eine Anstellung, auch Jakob wird auf der Immigrationsliste als *agriculturist“ geführt.


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==== Tasmanien und Melbourne ====
==== Tasmanien und Melbourne ====
Nach einer Anstellung für drei Monate als Hausbursche in Hobart brach er nach Melbourne auf, die Arbeit als Gärtner war ihm zu langweilig, wie er selber bemerkte. Am 30. 8. 1855 verliess er auf dem Schiff „City of Hobart“ Tasmanien und kam nach Port Philipp bei Melbourne (50 Stunden) und anschliessend auf der erst im September 1854 eröffneten ersten Eisenbahnlinie Australiens in die Stadt zu seinem Bruder Johann Heinrich, der dort eine lithographische Anstalt betrieb.
Nach einer Anstellung für drei Monate als Hausbursche in Hobart brach er nach Melbourne auf, die Arbeit als Gärtner war ihm zu langweilig, wie er selber bemerkte. Am 30. 8. 1855 verliess er auf dem Schiff „City of Hobart“ Tasmanien und kam nach Port Philipp bei Melbourne (50 Stunden) und anschliessend auf der erst im September 1854 eröffneten ersten Eisenbahnlinie Australiens in die Stadt zu seinem Bruder Johann Heinrich, der dort eine lithographische Anstalt betrieb.
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=== Traum vom Gold ===
=== Traum vom Gold ===
[[Datei:Karte Goldfelder 1850.jpg|mini|<small>Jacob Locher besuchte verschiedene Goldfelder, suchte sein Glück schliesslich Fiery Creek</small>]]
Nach kurzer Zeit bei seinem Bruder zog es Johann Jakob in die Goldfelder, wo er mehrere Monate blieb. Er beschreibt in seinem Bericht an seinen Bruder Johann Ulrich in St. Gallen, wie die Goldsuche, das „digging“ betrieben wird, wie die Goldsucher leben und arbeiten und stellt auch immer wieder Vergleiche mit der Heimat an.
Nach kurzer Zeit bei seinem Bruder zog es Johann Jakob in die Goldfelder, wo er mehrere Monate blieb. Er beschreibt in seinem Bericht an seinen Bruder Johann Ulrich in St. Gallen, wie die Goldsuche, das „digging“ betrieben wird, wie die Goldsucher leben und arbeiten und stellt auch immer wieder Vergleiche mit der Heimat an.
Die Beschreibung seiner Begegnung mit Eingeborenen schliesst er mit einer zum Schmunzeln verleitenden Feststellung: Sie sprechen zum Theil ziemlich gut englisch, aber ihre Muttersprache hört sich nicht gut an, sie klingt beinahe wie der Appenzeller-Dialekt.
Die Beschreibung seiner Begegnung mit Eingeborenen schliesst er mit einer zum Schmunzeln verleitenden Feststellung: Sie sprechen zum Theil ziemlich gut englisch, aber ihre Muttersprache hört sich nicht gut an, sie klingt beinahe wie der Appenzeller-Dialekt.
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==== Verarmt wie viele andere ====
==== Verarmt wie viele andere ====
Wie viele andere auch, wird Johann Jakob durch das Goldgraben nicht reich, er lebt zuletzt verarmt in Sunbury, einem Vorort nordwestlich von Melbourne, wo er sich mit Gelegenheitsjobs, u. a. bei einem Winzer, durchschlägt. Er stirbt wahrscheinlich am 18. oder 19. September 1870, denn gemäss Untersuchungsbericht vom 23. September wurde er „am 20. September 1870 ertrunken im Jackson Creek bei Sunbury ohne irgendwelche Anzeichen von Gewalteinwirkung an seinem Körper“ aufgefunden. Sowohl der Bericht der Leichenschau, wie auch Zeugenaussagen von Arbeitgeber, Arbeitskollegen und Nachbarn geben keine Hinweise auf Fremdeinwirkung.(Quelle: Public Record Office Victoria (AU); Signatur VPRS 24/P0000, 1870/859 Male; https://cart.cp.prov.vic.gov.au/pdf//httpsimages.prov.vic.gov.aumanifests9130287134imagesmanifest.pdf))
Wie viele andere auch, wird Johann Jakob durch das Goldgraben nicht reich, er lebt zuletzt verarmt in Sunbury, einem Vorort nordwestlich von Melbourne, wo er sich mit Gelegenheitsjobs, u. a. bei einem Winzer, durchschlägt. Er stirbt wahrscheinlich am 18. oder 19. September 1870, denn gemäss Untersuchungsbericht vom 23. September wurde er ''„am 20. September 1870 ertrunken im Jackson Creek bei Sunbury ohne irgendwelche Anzeichen von Gewalteinwirkung an seinem Körper“'' aufgefunden. Sowohl der [https://cart.cp.prov.vic.gov.au/pdf//httpsimages.prov.vic.gov.aumanifests9130287134imagesmanifest.pdf Bericht der Leichenschau, wie auch Zeugenaussagen] von Arbeitgeber, Arbeitskollegen und Nachbarn geben keine Hinweise auf Fremdeinwirkung.
 
==== Todesnachricht als Zeitungsmeldung ====
==== Todesnachricht als Zeitungsmeldung ====
In der Zeitung „The Argus“ vom 27. September 1870, wird der Todesfall auf Seite 2 beschrieben:
In der Zeitung „The Argus“ vom 27. September 1870, wird der Todesfall auf Seite 2 beschrieben:
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=== Das Büchlein ===
=== Das Büchlein ===
Johann Ulrich Locher (1817-1862), ein älterer Bruder von Johann Jakob, betrieb ab 1843 zusammen mit seinem später nach den USA und dann nach Melbourne ausgewanderten Bruder Johann Heinrich unter dem Namen „Gebrüder Locher“ eine Lithographische Anstalt, welche auch Zeichnungen von Johann Ulrich Fitzi veröffentlichte (beispielsweise das Alpsteinpanorama). Nach dem Wegzug von Johann Heinrich bezeichnete Johann Ulrich den Betrieb an der Marktgasse in der Stadt St. Gallen „Kunst-, Papier-, Schreib-und Zeichnungs-Materialien-Handlung sowie lithographisch-artistische Anstalt.“ Mit Johannn Heinrich in den USA pflegte Johann Ulrich eine Zeit lang geschäftliche Beziehungen. Johann Ulrich machte sich einen Namen als Verleger von Lithographien von Landschafts- und Ortsansichten aus der Schweiz und dem angrenzenden Ausland. 1857 veröffentlichte er den mit Oktober 1855 datierten Bericht von Johann Jakob unter dem Titel „Nach Australien! Briefe eines Ausgewanderten.“
Johann Ulrich Locher (1817-1862), ein älterer Bruder von Johann Jakob, betrieb ab 1843 in St. Gallen zusammen mit seinem später nach den USA und dann nach Melbourne ausgewanderten Bruder Johann Heinrich unter dem Namen „Gebrüder Locher“ eine Lithographische Anstalt, welche auch Zeichnungen von [[Fitzi, Johann Ulrich - Zeichner und Maler|Johann Ulrich Fitzi]] veröffentlichte (beispielsweise das Alpsteinpanorama). Nach dem Wegzug von Johann Heinrich bezeichnete Johann Ulrich den Betrieb an der Marktgasse in der Stadt St. Gallen „Kunst-, Papier-, Schreib-und Zeichnungs-Materialien-Handlung sowie lithographisch-artistische Anstalt.“ Mit Johannn Heinrich in den USA pflegte Johann Ulrich eine Zeit lang geschäftliche Beziehungen. Johann Ulrich machte sich einen Namen als Verleger von Lithographien von Landschafts- und Ortsansichten aus der Schweiz und dem angrenzenden Ausland. 1857 veröffentlichte er den mit Oktober 1855 datierten Bericht von Johann Jakob unter dem Titel „Nach Australien! Briefe eines Ausgewanderten.“
==== Digitale Version des Originals ====
==== Digitale Version des Originals ====
Eine digitale Version des Originalbüchleins (Ausgabe von 1857) bei der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen ist [https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN265376939 hier] zugänglich.  
Eine digitale Version des Originalbüchleins (Ausgabe von 1857) bei der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen ist [https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN265376939 hier] zugänglich.  
==== Die Bilder ====
==== Die Bilder ====
Das Büchlein ist illustriert mit 8 Bildern. Es sind Kopien von Lithographien des um die Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgreichen Illustrators Samuel Thomas Gill. Eine etwas grössere Abbildung zeigt den Bundesstaat Victoria mit Flüssen, Ortschaften etc. und den damals bekannten Goldfeldern. Die Karte wurde 1856 von George Slater veröffentlicht. Die Bilder von Gill und die Karte fanden den Weg nach St. Gallen zu Johann Ulrich Locher, der sie dem Büchlein beifügte.
Das Büchlein ist illustriert mit 8 Bildern. Es sind Kopien von Lithographien des um die Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgreichen Illustrators Samuel Thomas Gill. Eine etwas grössere Abbildung zeigt den Bundesstaat Victoria mit Flüssen, Ortschaften etc. und den damals bekannten Goldfeldern (she. oben). Die Karte wurde 1856 von George Slater veröffentlicht. Die Bilder von Gill und die Karte fanden den Weg nach St. Gallen zu Johann Ulrich Locher, der sie dem Büchlein beifügte.<br>
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STG_Digging.jpeg|<small>Gold waschen</small>
STG_Digs.jpeg|<small>Goldgruben mit Belüftungsschläuchen</small>
STG_Black_Forest.jpeg|<small>Store an der Strasse</small>
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=== Brüder - Geschäftsfreunde - Künstler ===
=== Brüder - Geschäftsfreunde - Künstler ===
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Johann Jakobs Bruder Heinrich war auch in Melbourne als Lithograf und Publizist tätig, somit ist es wahrscheinlich, dass er die Bilder von Samuel Thomas Gill und die Karte von George Slater als Lithos übernahm oder sie selber druckte und an Johann Ulrich in St. Gallen übermittelte. Überhaupt pflegte Johann Heinrich einen regen Austausch mit Europa, wie verschiedene Berichte importierter Waren zeigen, so eine Lieferung mit dem Schiff Europa vom 1. August 1856 „1000 cases spirits“<br>
Johann Jakobs Bruder Heinrich war auch in Melbourne als Lithograf und Publizist tätig, somit ist es wahrscheinlich, dass er die Bilder von Samuel Thomas Gill und die Karte von George Slater als Lithos übernahm oder sie selber druckte und an Johann Ulrich in St. Gallen übermittelte. Überhaupt pflegte Johann Heinrich einen regen Austausch mit Europa, wie verschiedene Berichte importierter Waren zeigen, so eine Lieferung mit dem Schiff Europa vom 1. August 1856 „1000 cases spirits“<br>
Johann Heinrich ging mit Julius Hamel (1812 - 1894), Zeichner und Illustrator, eine Partnerschaft ein. Gemeinsam hatten sie anfangs März 1858 Werke an der Victorian Industrial Society Exhibition ausgestellt und wurden dort in der Kategorie „Kupferstiche und Lithographie“ mit einer Verdiensturkunde ausgezeichnet. (>An Hamel und Locher, Lithografen und Kupferstecher, Collins-Street 8 West, für Muster der Chromolithografie – Verdiensturkunde) Von Julius Hamel ist bekannt, dass er mit Samuel Thomas Gill in geschäftlicher Verbindung stand.<br>
Johann Heinrich ging mit Julius Hamel (1812 - 1894), Zeichner und Illustrator, eine Partnerschaft ein. Gemeinsam hatten sie anfangs März 1858 Werke an der Victorian Industrial Society Exhibition ausgestellt und wurden dort in der Kategorie „Kupferstiche und Lithographie“ mit einer Verdiensturkunde ausgezeichnet. (>An Hamel und Locher, Lithografen und Kupferstecher, Collins-Street 8 West, für Muster der Chromolithografie – Verdiensturkunde) Von Julius Hamel ist bekannt, dass er mit Samuel Thomas Gill in geschäftlicher Verbindung stand.<br>
Johann Heinrich - John Henry - starb 34-jährig am 23. Juni 1858, nachdem er - wahrscheinlich schwer krank - am 17. Juni in seinem Testament seine Frau Ursula als Willensvollstreckerin und Erbin bezeichnet hatte. Er hinterliess seiner Frau 200 £. Dieses Erbe war recht ansehnlich, verdiente doch ein gewöhnlicher Arbeiter höchstens um 50 £ pro Jahr.  
Johann Heinrich - John Henry - starb 34-jährig am 23. Juni 1858, nachdem er - wahrscheinlich schwer krank - am 17. Juni in seinem Testament seine Frau Ursula als Willensvollstreckerin und Erbin bezeichnet hatte. Er hinterliess seiner Frau 200 £. Dieses Erbe war recht ansehnlich, verdiente doch ein gewöhnlicher Arbeiter höchstens um 50 £ pro Jahr.  
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In der Zeitung The Argus vom 25. Juni 1858 wurde zur Beerdigung von Johann Heinrich eingeladen:<br>
''The friends of the late J. H. Locher, from Messrs. Hamel and Locher, are respectfully requested to follow his remains from Simpson’s-road, six doors above the Eureka Hotel, to the New Cemetery, today, by half-past 2 o'clock p.m.''<br>
Die Freunde des verstorbenen J. H. Locher von der Firma Hamel und Locher werden höflich gebeten, dem Leichenzug heute um 14.30 Uhr von der Simpson’s-Road, sechs Häuser oberhalb des Eureka Hotels, zum Neuen Friedhof zu folgen.


==== Samuel Thomas Gill - Zeichner ====
==== Samuel Thomas Gill - Zeichner ====
Samuel Thomas Gill kam 1852 zu den Goldfeldern Victorias, wo er rasch eine Reihe von Aquarellen und Tuschezeichnungen schuf, die bei Ausstellungen in Melbourne grossen Anklang fanden. Als versierter Lithograf schuf er zwei bemerkenswerte Serien: „ Victorian Gold Diggings and Diggers of Victoria as They Are “ (1853) und „The Diggings and Diggers of Victoria as They Were in 1852“ (1854). Seine Werke fingen die Essenz des Goldrausches ein und machten ihn zum führenden Künstler seiner Zeit; seine Arbeiten wurden sogar in England und Europa kopiert.
Samuel Thomas Gill kam 1852 zu den Goldfeldern Victorias, wo er rasch eine Reihe von Aquarellen und Tuschezeichnungen schuf, die bei Ausstellungen in Melbourne grossen Anklang fanden. Als versierter Lithograf schuf er zwei bemerkenswerte Serien: „ Victorian Gold Diggings and Diggers of Victoria as They Are “ (1853) und „The Diggings and Diggers of Victoria as They Were in 1852“ (1854). Seine Werke fingen die Essenz des Goldrausches ein und machten ihn zum führenden Künstler seiner Zeit; seine Arbeiten wurden sogar in England und Europa kopiert.<br>
 
==== Nachdruck 2026 ====
==== Nachdruck 2026 ====
Johann Jakob Lochers Schrift „Nach Australien! - Briefe eines Ausgewanderten“ wurde 2016 als Nachdruck mit einer Parallelfassung in Englisch und mit erklärenden Anmerkungen von Roland Isler neu herausgegeben. (Melbourne: Gallus Grafica)
Johann Jakob Lochers Schrift „Nach Australien! - Briefe eines Ausgewanderten“ wurde 2016 als Nachdruck mit einer Parallelfassung in Englisch und mit erklärenden Anmerkungen von Roland Isler neu herausgegeben. (Melbourne: Gallus Grafica)




Quellen:<br>
''Quellen:''<br>
Inquiery ([https://cart.cp.prov.vic.gov.au/pdf//httpsimages.prov.vic.gov.aumanifests9130287134imagesmanifest.pdf Untersuchungsbericht] zur Todesursache von Johann Jakob Locher (in Englisch)<br>
<small>Untersuchungsbericht zur Todesursache von Johann Jakob Locher (in Englisch):
Public Record Office Victoria (AU); [https://cart.cp.prov.vic.gov.au/pdf//httpsimages.prov.vic.gov.aumanifests9130287134imagesmanifest.pdf Signatur VPRS 24/P0000, 1870/859 Male]</small><br>

Aktuelle Version vom 6. Mai 2026, 16:15 Uhr

Cover Ausgabe 1857.png

Nach Australien! - Briefe eines Ausgewanderten von Johann Jakob Locher, von Speicher
Das 45 Seiten umfassende Büchlein mit dem Titel „Nach Australien! - Briefe eines Ausgewanderten“ wurde im Verlag von Johann Ulrich Locher, einem Bruder des Autors Johann Jakob Locher, 1857 in St. Gallen gedruckt und veröffentlicht. Es ist ein Augenzeugenbericht eines Goldsuchers aus der Zeit des australischen Goldrausches.

Im Jahre 1855 kam Johann Jakob Locher nach einer 186-tägigen, turbulenten Schiffsreise in Hobarttown (Hobart) auf Tasmanien an. Nach einer kurzen Anstellung als Hausbursche zog er nach Melbourne zu seinem dort lebenden Bruder Johann Heinrich, den er schon auf einer früheren Reise in den USA besucht hatte. Von Melbourne aus suchte er sein Glück in den 1852 entdeckten Goldminen nördlich der Stadt. Er sandte an seinen Bruder in St. Gallen einen (oder mehrere?) Briefe, worin er seine Erlebnisse schildert von der Reise und von den Menschen und ihren Lebensumständen zur Zeit des Goldrausches in Victoria. Zudem vermittelt der Text Landschaftsbeschreibungen und vor allem einen Einblick in das Leben eines Goldsuchers in den frühen Jahren des kolonialen Australien, das viele Glücksritter aus allen Teilen der Welt anzog.

Johann Jakob Locher, Kammacher

Johann Jakob Locher, im Taufbuch als Hans Jakob Locher aufgeführt, wurde am 17. 11. 1829 in Speicher geboren. Er war das sechste Kind seiner Eltern Johannes Ulrich Locher und der Katharina Eugster (Heirat 19. 1. 1813 in Rehetobel): Johannes 17. 11. 1813 (Metzger), Johann Ulrich 23. 5. 1817 (Lithograph, Verleger in St. Gallen), Anna Katharina 10. 9. 1822, Johann Heinrich 1823 (Lithograph, Verleger in St. Gallen, New York, Melbourne), Hans Kunrad 20. 8. 1826, Johann Jakob 17. 11. 1829, Wilhelm 5. 10. 1835.
Der Vater war von Beruf „Policeijäger“, die Familie wohnte zuerst im Moos, später im Bendlehn. Johann Jakob war Kammacher, dürfte den Beruf aber nicht lange ausgeübt haben. Kammacher fertigten Kämme aus Horn, solche wurden auch in der Textilverarbeitung benötigt.

Wanderschaft und Reisen

Gemäss Passregister des Kantons App. A.Rh. wurde ihm am 29. August 1851 ein Wanderbuch [Pass für „Wandergesellen“, für eine Art „Walz“, wie sie heute noch vereinzelt Zimmerleute unternehmen] ausgestellt: Johann Jakob Locher, Kammmacher, von und in Speicher, nach Ulm. Signalement: Mittlere Statur, braune Augen, braune Haare, breites Kinn, ovales Gesicht. Zweck der Reise: Auf Arbeit.
Wie damals üblich [she. auch: John Krüsi] war der Zweck solcher Wanderschaften, Berufs- oder zumindest Arbeitserfahrung zu sammeln. Locher ist viel gereist, wie er im Australienbericht selber schreibt: von zwölf Reisen [ist] kaum eine so interessant, und [hat] so mannigfache Begebenheiten aufzuweisen, wie die unsrige.
Noch bevor er nach Australien aufbrach, hatte er seinen Bruder Johann Heinrich, der mit einem Wanderbuch vom 1. 12. 1843 als Steindrucker (Lithograf) „nach St. Gallen und Weiter“ Speicher verlassen hatte, in New York besucht. Johann Heinrich arbeitete in New York einige Jahre als Verleger und Lithograph an der Fulton Street 117, wanderte zusammen mit seiner Frau darauf nach Australien aus und wurde am 11. August 1854 in Melbourne eingebürgert. In Melbourne trafen sich die beiden Brüder wieder, wobei Heinrich erstaunt war, dass Jakob aus Tasmanien schrieb. Jakob kannte die Adresse von Heinrich wohl von Bruder Ulrich in St. Gallen. Heinrich wusste aber nicht, dass sein Bruder die Australienreise aufgenommen hatte.

Schiffsreise mit Tücken

Wo sich Johann Jakob zwischen 1851 (Wanderbuch) und 1854 aufhielt, ist unbekannt, die Reise in die USA und zurück war sicher dabei. Seine Australienreise startete er, damals 25 Jahre alt, in Hamburg mit dem im Bericht genannten Segelschiff „Leve van Vienstein“ (Korrekter Schiffsname: Lewe van Nyenstein), einem typischen Auswandererschiff jener Zeit mit vor allem deutschen Auswanderern. Je nach Quelle befanden sich zwischen 150 und über 200 Passagiere auf dem Schiff, zumeist Männer, nebst einigen Familien mit bis zu 8 Kindern. Am 15. 11. 1854 erfolgte die Einschiffung, wegen ungünstiger Winde kam es zu einer Verzögerung von 2 Monaten bis zum Auslaufen! Die Besatzung bestand aus rund 30 Mann.

Schiffsreise J J Locher.jpg
Hamburg - Tasmanien
Datum Örtlichkeit
16. 1. 1855 Abfahrt Hamburg
19. 1. 1855 Aermelkanal
24. 1. 1855 Golf v. Biskaya (Sturm)
30. 1. 1855 Kanarische Inseln
26. 2. 1855 Aequator
04. 4. 1855 Kap der guten Hoffnung
13. 4. 1855 Vorbeifahrt an St. Paul (La Réunion);
von 19 Matrosen nur noch 7 arbeitsfähig
10. 5. 1855 Tasmanien in Sicht (ca. 20 km), Sturm
24. 5. 1855 Hobarttown


Colonial Times vom 25. Mai 1855

Die Schiffsreise dauerte somit (ohne die Wartezeit in Hamburg) 160 Tage, das ist deutlich mehr als die damals üblichen 90 bis 120 Tage. Einerseits war dies den ungünstigen Witterungsbedingungen, aber wohl auch dem schlecht ausgerüsteten Schiff geschuldet. Die Überfahrt war extrem beschwerlich: Das Schiff musste wegen schwerer Stürme kurz nach dem ersten Start im November 1854 umkehren und lag zwei Monate im Hafen, bevor es endgültig auslaufen konnte. Während der Reise starben mehrere Kinder und Besatzungsmitglieder.

Immigranten "Lewe van Nyenstein": Nr. 7 Locher Jacob

Die Auswanderer, welche nur Arbeit und nicht Selbstständigkeit suchten, fanden hauptsächlich in der Landwirtschaft eine Anstellung, auch Jakob wird auf der Immigrationsliste als *agriculturist“ geführt.






Tasmanien und Melbourne

Nach einer Anstellung für drei Monate als Hausbursche in Hobart brach er nach Melbourne auf, die Arbeit als Gärtner war ihm zu langweilig, wie er selber bemerkte. Am 30. 8. 1855 verliess er auf dem Schiff „City of Hobart“ Tasmanien und kam nach Port Philipp bei Melbourne (50 Stunden) und anschliessend auf der erst im September 1854 eröffneten ersten Eisenbahnlinie Australiens in die Stadt zu seinem Bruder Johann Heinrich, der dort eine lithographische Anstalt betrieb.

Jacob Locher fuhr mit der City of Hobart nach Melbourne

Das Schiff „City of Hobart“ war ein Dreimaster-Segler mit einer 2-Zylinder-Dampfmaschine, 1854 in Glasgow gebaut und zunächst im Dienste der „Tasmanian Steam Navigation Company“ für Passagier- und Frachtfahrten zwischen Victoria (Melbourne) und Hobart.







Traum vom Gold

Jacob Locher besuchte verschiedene Goldfelder, suchte sein Glück schliesslich Fiery Creek

Nach kurzer Zeit bei seinem Bruder zog es Johann Jakob in die Goldfelder, wo er mehrere Monate blieb. Er beschreibt in seinem Bericht an seinen Bruder Johann Ulrich in St. Gallen, wie die Goldsuche, das „digging“ betrieben wird, wie die Goldsucher leben und arbeiten und stellt auch immer wieder Vergleiche mit der Heimat an. Die Beschreibung seiner Begegnung mit Eingeborenen schliesst er mit einer zum Schmunzeln verleitenden Feststellung: Sie sprechen zum Theil ziemlich gut englisch, aber ihre Muttersprache hört sich nicht gut an, sie klingt beinahe wie der Appenzeller-Dialekt. Johann Jakob schürft in den Minen von Fiery Creek, etwa 200 km nordwestlich von Melbourne. Dort leben 1855, drei Jahre nach Entdecken der Goldvorkommen, bereits 50’000 Leute, 1860 100’000! Der „Goldrausch“ in Australien ist von kurzer Dauer. Nach 1860 sind die meisten „Minen“ im Fiery Creek Revier bereits wieder verlassen. In der Ausgabe der Zeitung „The Border Post“ vom 6. Februar 1861 erscheint in der Rubrik „Liste nicht abgeholter Post“ (list of unclaimed letters) der Name Jacob Locher. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass Jakob damals noch in Fiery Creek weilte, sein Bruder Heinrich aber schon 1958 verstorben war und somit ankommende Post für Jakob nicht (mehr) abgeholt wurde.

Verarmt wie viele andere

Wie viele andere auch, wird Johann Jakob durch das Goldgraben nicht reich, er lebt zuletzt verarmt in Sunbury, einem Vorort nordwestlich von Melbourne, wo er sich mit Gelegenheitsjobs, u. a. bei einem Winzer, durchschlägt. Er stirbt wahrscheinlich am 18. oder 19. September 1870, denn gemäss Untersuchungsbericht vom 23. September wurde er „am 20. September 1870 ertrunken im Jackson Creek bei Sunbury ohne irgendwelche Anzeichen von Gewalteinwirkung an seinem Körper“ aufgefunden. Sowohl der Bericht der Leichenschau, wie auch Zeugenaussagen von Arbeitgeber, Arbeitskollegen und Nachbarn geben keine Hinweise auf Fremdeinwirkung.

Todesnachricht als Zeitungsmeldung

In der Zeitung „The Argus“ vom 27. September 1870, wird der Todesfall auf Seite 2 beschrieben: Jacob Locher, ein Winzer im Alter von fünfundvierzig Jahren, wurde am Dienstag ertrunken im Jackson’s Creek aufgefunden. Der Verstorbene hatte sich am Sonntag mit einem Arbeitskollegen namens Duscher in einer Weinstube aufgehalten; beide standen im Dienst von William Bowrie, dem Besitzer eines Weinguts. Der Verstorbene hatte sich betrunken, und sein Begleiter erklärte sich bereit, ihn gegen neun Uhr nach Hause zu bringen, woraufhin sie gemeinsam aufbrachen. Da Locher die ganze Nacht über nicht nach Hause kam, wurde am Morgen nach ihm gefragt, und Duscher gab daraufhin an, dem Verstorbenen sei so schlecht geworden, dass er nicht mehr weitergehen konnte, er habe sich neben eine Rutschplatte gelegt, und er habe ihn dort schlafend zurückgelassen. Obwohl nach ihm gesucht wurde, wurde er bis Dienstag nicht mehr gesehen, als ein Junge seine Leiche im Jackson’s Creek entdeckte. Es wurde nachgewiesen, dass die Nacht zum Sonntag sehr dunkel war, und Fußspuren wurden von der Stelle, an der der Verstorbene schlafend zurückgelassen worden war, bis zum Ufer des Baches verfolgt. Bei der Untersuchung der Leiche wurde eine Menge Glasscherben in seiner Jackentasche gefunden, und Glas ähnlicher Beschaffenheit wurde entlang der Spur der Fußspuren gefunden. Es gab keine Anzeichen von Gewalt an der Leiche, und da die medizinischen Befunde darauf hindeuteten, dass der Tod durch Ertrinken verursacht worden war, fällte die Jury das Urteil „ertrunken aufgefunden“.

Originaltext: Jacob Locher, a vigneron, aged forty-five years, who was found drowned in Jackson’s Creek on Tuesday. Deceased was at a wine shop on Sunday lost with a fellow-laborer named Duscher, both of them being in the employ of William Bowrie, the owner of a vineyard. Deceased became intoxicated, and his companion agreed to take him home about nine o'clock, when they left together. As Locher did not arrive at homo all night, inquiries were made about him in the morning, and Duscher then stated that deceased had become so bad that he could not go any further, and lay down by a slip panel, and he left him there asleep. Although search was made for him ho was never seen again until Tuesday, when a boy discovered his body in Jackson's Crock. It was proved that Sunday night was very dark, and footmarks were traced from the place where deceased was left asleep to the bank of the creek. Upon searching the body a quantity of broken glass was found in his coatpocket, and glass of a similar character was found along the track of the footsteps. There were no marks of violence on tho body, and as the medical evidence was to the effect that death had been caused by drowning, the jury returned a verdict of found drowned.

Das Büchlein

Johann Ulrich Locher (1817-1862), ein älterer Bruder von Johann Jakob, betrieb ab 1843 in St. Gallen zusammen mit seinem später nach den USA und dann nach Melbourne ausgewanderten Bruder Johann Heinrich unter dem Namen „Gebrüder Locher“ eine Lithographische Anstalt, welche auch Zeichnungen von Johann Ulrich Fitzi veröffentlichte (beispielsweise das Alpsteinpanorama). Nach dem Wegzug von Johann Heinrich bezeichnete Johann Ulrich den Betrieb an der Marktgasse in der Stadt St. Gallen „Kunst-, Papier-, Schreib-und Zeichnungs-Materialien-Handlung sowie lithographisch-artistische Anstalt.“ Mit Johannn Heinrich in den USA pflegte Johann Ulrich eine Zeit lang geschäftliche Beziehungen. Johann Ulrich machte sich einen Namen als Verleger von Lithographien von Landschafts- und Ortsansichten aus der Schweiz und dem angrenzenden Ausland. 1857 veröffentlichte er den mit Oktober 1855 datierten Bericht von Johann Jakob unter dem Titel „Nach Australien! Briefe eines Ausgewanderten.“

Digitale Version des Originals

Eine digitale Version des Originalbüchleins (Ausgabe von 1857) bei der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen ist hier zugänglich.

Die Bilder

Das Büchlein ist illustriert mit 8 Bildern. Es sind Kopien von Lithographien des um die Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgreichen Illustrators Samuel Thomas Gill. Eine etwas grössere Abbildung zeigt den Bundesstaat Victoria mit Flüssen, Ortschaften etc. und den damals bekannten Goldfeldern (she. oben). Die Karte wurde 1856 von George Slater veröffentlicht. Die Bilder von Gill und die Karte fanden den Weg nach St. Gallen zu Johann Ulrich Locher, der sie dem Büchlein beifügte.


Brüder - Geschäftsfreunde - Künstler

Johann Heinrich Locher, Lithograf

Johann Jakobs Bruder Heinrich war auch in Melbourne als Lithograf und Publizist tätig, somit ist es wahrscheinlich, dass er die Bilder von Samuel Thomas Gill und die Karte von George Slater als Lithos übernahm oder sie selber druckte und an Johann Ulrich in St. Gallen übermittelte. Überhaupt pflegte Johann Heinrich einen regen Austausch mit Europa, wie verschiedene Berichte importierter Waren zeigen, so eine Lieferung mit dem Schiff Europa vom 1. August 1856 „1000 cases spirits“
Johann Heinrich ging mit Julius Hamel (1812 - 1894), Zeichner und Illustrator, eine Partnerschaft ein. Gemeinsam hatten sie anfangs März 1858 Werke an der Victorian Industrial Society Exhibition ausgestellt und wurden dort in der Kategorie „Kupferstiche und Lithographie“ mit einer Verdiensturkunde ausgezeichnet. (>An Hamel und Locher, Lithografen und Kupferstecher, Collins-Street 8 West, für Muster der Chromolithografie – Verdiensturkunde) Von Julius Hamel ist bekannt, dass er mit Samuel Thomas Gill in geschäftlicher Verbindung stand.
Johann Heinrich - John Henry - starb 34-jährig am 23. Juni 1858, nachdem er - wahrscheinlich schwer krank - am 17. Juni in seinem Testament seine Frau Ursula als Willensvollstreckerin und Erbin bezeichnet hatte. Er hinterliess seiner Frau 200 £. Dieses Erbe war recht ansehnlich, verdiente doch ein gewöhnlicher Arbeiter höchstens um 50 £ pro Jahr.
In der Zeitung The Argus vom 25. Juni 1858 wurde zur Beerdigung von Johann Heinrich eingeladen:
The friends of the late J. H. Locher, from Messrs. Hamel and Locher, are respectfully requested to follow his remains from Simpson’s-road, six doors above the Eureka Hotel, to the New Cemetery, today, by half-past 2 o'clock p.m.
Die Freunde des verstorbenen J. H. Locher von der Firma Hamel und Locher werden höflich gebeten, dem Leichenzug heute um 14.30 Uhr von der Simpson’s-Road, sechs Häuser oberhalb des Eureka Hotels, zum Neuen Friedhof zu folgen.

Samuel Thomas Gill - Zeichner

Samuel Thomas Gill kam 1852 zu den Goldfeldern Victorias, wo er rasch eine Reihe von Aquarellen und Tuschezeichnungen schuf, die bei Ausstellungen in Melbourne grossen Anklang fanden. Als versierter Lithograf schuf er zwei bemerkenswerte Serien: „ Victorian Gold Diggings and Diggers of Victoria as They Are “ (1853) und „The Diggings and Diggers of Victoria as They Were in 1852“ (1854). Seine Werke fingen die Essenz des Goldrausches ein und machten ihn zum führenden Künstler seiner Zeit; seine Arbeiten wurden sogar in England und Europa kopiert.

Nachdruck 2026

Johann Jakob Lochers Schrift „Nach Australien! - Briefe eines Ausgewanderten“ wurde 2016 als Nachdruck mit einer Parallelfassung in Englisch und mit erklärenden Anmerkungen von Roland Isler neu herausgegeben. (Melbourne: Gallus Grafica)


Quellen:
Untersuchungsbericht zur Todesursache von Johann Jakob Locher (in Englisch): Public Record Office Victoria (AU); Signatur VPRS 24/P0000, 1870/859 Male