Tanner Bartholome - Lehrer, Chronist: Unterschied zwischen den Versionen

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(Freund und Kollege Johann Martin Müller)
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Johann Jakob Wehrli (* 6.11.1790, + 15.3.1855) war ebenfalls Sohn eines Schulmeisters. Er besuchte 1807 einen Fortbildungskurs für Landschullehrer, wirkte zwei Winter als Schulvikar und kam 1810 als Lehrer der Armenschule an Philipp Emanuel von Fellenbergs Institut Hofwil, wo er das pädagogische Konzept Fellenbergs weiter entwickelte und den Schulunterricht mit Handarbeit verband. Wehrli übernahm die Leitung des Instituts und entwickelte es zusätzlich zu einer Lehrerbildungsanstalt. Nach dem Hofwiler Vorbild nannte man vergleichbare Versuche in Europa fortan "Wehrli-Schulen". 1833 berief der thurg. Erziehungsrat Wehrli zum ersten Seminardirektor des Lehrerseminars Kreuzlingen, das einen zweijährigen Lehrgang anbot.
 
Johann Jakob Wehrli (* 6.11.1790, + 15.3.1855) war ebenfalls Sohn eines Schulmeisters. Er besuchte 1807 einen Fortbildungskurs für Landschullehrer, wirkte zwei Winter als Schulvikar und kam 1810 als Lehrer der Armenschule an Philipp Emanuel von Fellenbergs Institut Hofwil, wo er das pädagogische Konzept Fellenbergs weiter entwickelte und den Schulunterricht mit Handarbeit verband. Wehrli übernahm die Leitung des Instituts und entwickelte es zusätzlich zu einer Lehrerbildungsanstalt. Nach dem Hofwiler Vorbild nannte man vergleichbare Versuche in Europa fortan "Wehrli-Schulen". 1833 berief der thurg. Erziehungsrat Wehrli zum ersten Seminardirektor des Lehrerseminars Kreuzlingen, das einen zweijährigen Lehrgang anbot.
  
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Johann Martin Müller absolvierte praktisch dieselbe Ausbildungslaufbahn wie Bartholome Tanner. Nach der Dorfschule die Armenschule in der Schurtanne, anschliessend das Seminar Kreuzlingen (es hatte damals nur wenige Appenzeller Seminaristen). Zwischen 1856 und 1862 waren die beiden Berufskollegen in Speicher, Tanner als Lehrer in der Schwendi, Müller als Sekundarlehrer im Dorf. Müller war zudem von 1857 bis 1859 Präsident der Sonnengesellschaft. 1862 verliess Müller Speicher und den Lehrerberuf, er wurde erster vollamtlicher Redaktor der Appenzeller Zeitung.
 
Johann Martin Müller absolvierte praktisch dieselbe Ausbildungslaufbahn wie Bartholome Tanner. Nach der Dorfschule die Armenschule in der Schurtanne, anschliessend das Seminar Kreuzlingen (es hatte damals nur wenige Appenzeller Seminaristen). Zwischen 1856 und 1862 waren die beiden Berufskollegen in Speicher, Tanner als Lehrer in der Schwendi, Müller als Sekundarlehrer im Dorf. Müller war zudem von 1857 bis 1859 Präsident der Sonnengesellschaft. 1862 verliess Müller Speicher und den Lehrerberuf, er wurde erster vollamtlicher Redaktor der Appenzeller Zeitung.
 
Nach dem Ausscheiden aus dem Lehrerdienst wohnte Tanner für zwei Jahre in Herisau, wo er unter anderem auch Redaktionstätigkeiten für Müller übernahm. Die beiden pflegten über alle Jahre einen regen Austausch über das politische Geschehen im In- und Ausland, Tanners Beiträge u. a. zur (Vor-)Revolutions- und Mediationszeit in den Appenzellischen Jahrbüchern (zwischen 1861 und 1887) sind Zeugen davon.
 
Nach dem Ausscheiden aus dem Lehrerdienst wohnte Tanner für zwei Jahre in Herisau, wo er unter anderem auch Redaktionstätigkeiten für Müller übernahm. Die beiden pflegten über alle Jahre einen regen Austausch über das politische Geschehen im In- und Ausland, Tanners Beiträge u. a. zur (Vor-)Revolutions- und Mediationszeit in den Appenzellischen Jahrbüchern (zwischen 1861 und 1887) sind Zeugen davon.

Version vom 5. Januar 2021, 10:12 Uhr

Die Seeburg Kreuzlingen (hier um 1840) beherbergte das erste Thurgauer Lehrerseminar

Bartholome Tanner, der Verfasser der "Tanner Chronik", wurde am 7. September 1818 als Sohn des Schulmeisters Johs. Tanner und der Katharina Sonderegger in Speicher geboren. Nach der Primarschule in Speicher besuchte er zur Vorbereitung auf eine Lehrerausbildung das damals unter J. Konrad Zellweger, dem späteren Seminardirektor, stehende Institut in der Schurtanne in Trogen. 1834 trat er in den erst zweiten zweijährigen Lehrgang des 1833 gegründeten Seminars Kreuzlingen ein. Dieses wurde geleitet von Seminardirektor Johann Jakob Wehrli, zeitlebens seinem Vorbild, mit dem er in stetem Briefwechsel stand.

Tanner heiratete 1846 seine ehemalige Schülerin Anna Barbara Engler von Trogen. Von 12 Kindern gingen 4 dem Vater im Tode voran.

Lehrtätigkeit

B. Tanner hat im alten (1763) wie auch im 1860 errichteten Schulhaus unterrichtet.

1836 bis 1837 Schule Steig bei Bichelsee

1837 bis 1838 Fellenberg'sche Erziehungsanstalt in Hofwyl

1838 bis 1841 Hauslehrer in Heiden

1841 bis 1848 Schule Riemen in Grub

1848 bis 1880 Schule Speicherschwendi





Nach dem Ausscheiden aus dem Schuldienst

1880 bis 1882 Schulverweser, Redaktionsmitarbeiter Appenzeller Zeitung, Kopist Kantonskanzlei in Herisau
1882 bis 1892 Speicher; Selbststudium lokalhistorischer Themen zum Zwecke einer späteren Veröffentlichung.

Lokalhistoriker und Allgemeinbildner

Tannerchronik Front.jpg

Bartholome Tanner entwickelte neben seiner Schultätigkeit eine grosse Schaffenskraft in lokalhistorischen Belangen. Seinen Wissensdurst stillten die umfangreichen Bibliotheken der Sonnengesellschaft, von Hauptmann J. J. Tanner (seines Onkels), Landesfähndrich J. H. Tobler, Dr. Gabriel Rüsch, sowie von Dr. Johann Kaspar Zellweger in Trogen. Nie scheute er den Weg nach Appenzell, in's Kloster St. Gallen, nach Trogen oder nach Teufen, wenn es galt, historische Tatsachen zu ergründen oder deren Richtigkeit zu erhärten.

Sein Hauptwerk mit dem sperrigen Titel „Speicher im Kanton Appenzell. Versuch einer geografischen, historischen und statistischen Beschreibung der Gemeinde seit dem ersten Kirchenbau 1614 bis auf die Gegenwart“ ist eine ausführliche Geschichte der Gemeinde Speicher. Sie basiert auf den Chroniken von Gabriel Walser und Bartholome Rechsteiner. Das 43 Bogen starke Werk erschien 1853 im Drucke.









Schulwandkarte von 1862 von Tanner und Müller

Zusammen mit mit seinem Freund und Berufskollegen von der Oberschule Speicher, dem späteren ersten Redaktor der Appenzeller Zeitung, Johann Martin Müller, schuf er im Auftrag der Landesschulkommission eine Schulwandkarte des Kantons Appenzell, welche in 500 Exemplaren gedruckt wurde und in den Schulen bis zur Jahrhundertwende in Gebrauch stand.








In den Lehrerkonferenzen setzte er sich u. a. für die Weiterbildung der Lehrer ein, ein Anliegen, das wohl in seinem Briefwechsel mit Johann Jakob Wehrli begründet war.
Er lieferte auch ungezählte Arbeiten für die verschiedenen Lehrerkonferenzen, schrieb grössere geschichtliche Abhandlungen in den Appenzellischen Jahrbüchern, hielt Vorträge in der Sonnengesellschaft Speicher und nahm noch die Geschichte der Gemeinden Teufen und Bühler in Angriff.

Bartholome Tanner verstarb im März 1892 nach kurzer Krankheit an einer Lungenentzündung.

Beiträge Tanners in den App. Jahrbüchern

Bartholome Tanner war offenbar fasziniert von der Umbruchszeit zwischen 1798 und 1830, also der Zeit der Revolution, Helvetik, Mediation und Restauration. Der Fokus lag ganz auf den Geschehnissen im Kanton Appenzell. Seine Aufsätze erschienen in jeweils mehreren Fortsetzungen in den Appenzellischen Jahrbüchern. Zu denselben Themen hielt er auch Vorträge in der Sonnengesellschaft. Sie finden ihren Niederschlag auch in der Chronik über Speicher.

  • Der Kanton Appenzell im Zeitraum von 1815-1830 (AJB 1886 und 87)
  • Der Kanton Appenzell Ausserrhoden von der Einführung der Mediationsakte bis zur Annahme der Bund (AJB 1873 und 79)
  • Die Revolution im Kanton Appenzell in den Jahren 1798-1803 (AJB 1861, 1863, 1866, 1868)

Tanners pädagogische Vorbilder

Zwei Persönlichkeiten prägten Tanners pädagogische Laufbahn ganz wesentlich. Beide waren Vertreter einer damals neuen pädagogischen Ausrichtung: 1804 gründete der Pädagoge Philipp Emanuel von Fellenberg eine Armenschule für verwahrloste Kinder, deren Leitung Johann Jacob Wehrli übernahm. Nach den Ideen Johann Heinrich Pestalozzis erhielten die Kinder eine Volksschulbildung kombiniert mit einer landwirtschaftlich-gewerblichen Ausbildung. Letztere sollte sie dazu befähigen, in ihrer ländlichen Lebenswelt eine gute und ehrbare Existenz aufzubauen. Die Armenschule war ein wichtiges Vorbild für die spätere Lehrerbildung. Die Lehrer sollten beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft mithelfen, indem sie sich vor allem den vernachlässigten Schulen der Landbevölkerung annahmen. Sie sollten die Kinder zur Mündigkeit, zu eigenständigem Denken und sittlichem Handeln anleiten. J. Konrad Zellweger war von 1817 bis 1823 in Hofwyl Schüler des Johann Jacob Wehrli, der die Schule, die gleichzeitig Lehrerbildungsanstalt war, leitete.

Johann Konrad Zellweger

Armenschule Schurtanne nach dem Umbau von 1856 zum Waisenhaus
Das von Wehrli geleitete Fellenberg'sche Institut Hofwyl

Johann Konrad Zellweger (*1801, + 1883) wuchs nach dem Tod seines Vaters 1802 im Armenhaus in Trogen auf. 1813 kehrte er zur Mutter nach Speicher zurück und trat in die Spinnereifabrik von Johann Caspar Zellweger ein. Dieser ermöglichte ihm die Ausbildung zum Armenlehrer in der Anstalt Philipp Emanuel von Fellenbergs in Hofwil. 1824 - 1851 leitete Zellweger die neu gegründete Armenschule Schurtanne in Trogen. 1852 wurde er vom Grossen Rat des Kt. Appenzell Ausserrhoden zum Seminardirektor des damaligen Lehrerseminars Rieseren in Gais (bis 1866: dann Seminarkonkordat mit Thurgau) ernannt. Ausserdem wirkte er bis 1872 als Schulinspektor. Zellweger war Mitglied der Landesschulkommission und Vorsitzender der kant. Lehrerkonferenz sowie des Vereins schweiz. Armenerzieher.

Johann Jakob Wehrli

Eine besondere Beziehung hatte Bartholome Tanner zu Johann Jakob Wehrli. Einerseits dürfte es auf die Prägung durch die Fellenberg’sche Erziehung in der Schurtanne zurück zu führen sein, andrerseits auf die ähnlichen Jugendzeiten: Johann Jakob Wehrli (* 6.11.1790, + 15.3.1855) war ebenfalls Sohn eines Schulmeisters. Er besuchte 1807 einen Fortbildungskurs für Landschullehrer, wirkte zwei Winter als Schulvikar und kam 1810 als Lehrer der Armenschule an Philipp Emanuel von Fellenbergs Institut Hofwil, wo er das pädagogische Konzept Fellenbergs weiter entwickelte und den Schulunterricht mit Handarbeit verband. Wehrli übernahm die Leitung des Instituts und entwickelte es zusätzlich zu einer Lehrerbildungsanstalt. Nach dem Hofwiler Vorbild nannte man vergleichbare Versuche in Europa fortan "Wehrli-Schulen". 1833 berief der thurg. Erziehungsrat Wehrli zum ersten Seminardirektor des Lehrerseminars Kreuzlingen, das einen zweijährigen Lehrgang anbot.

Freund und Kollege Johann Martin Müller

Johann Martin Müller absolvierte praktisch dieselbe Ausbildungslaufbahn wie Bartholome Tanner. Nach der Dorfschule die Armenschule in der Schurtanne, anschliessend das Seminar Kreuzlingen (es hatte damals nur wenige Appenzeller Seminaristen). Zwischen 1856 und 1862 waren die beiden Berufskollegen in Speicher, Tanner als Lehrer in der Schwendi, Müller als Sekundarlehrer im Dorf. Müller war zudem von 1857 bis 1859 Präsident der Sonnengesellschaft. 1862 verliess Müller Speicher und den Lehrerberuf, er wurde erster vollamtlicher Redaktor der Appenzeller Zeitung. Nach dem Ausscheiden aus dem Lehrerdienst wohnte Tanner für zwei Jahre in Herisau, wo er unter anderem auch Redaktionstätigkeiten für Müller übernahm. Die beiden pflegten über alle Jahre einen regen Austausch über das politische Geschehen im In- und Ausland, Tanners Beiträge u. a. zur (Vor-)Revolutions- und Mediationszeit in den Appenzellischen Jahrbüchern (zwischen 1861 und 1887) sind Zeugen davon.

Text: Peter Abegglen, Januar 2021

Quellen: