Spanische Grippe 1918

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(erstaunliche Parallelen zu Covid-19)

Ursprung[Bearbeiten]

Zu Beginn des Jahres 1918 grassierte in den Kasernen der US-Armee eine Grippe, die von amerikanischen Soldaten an die Westfront des europäischen Kriegsschauplatzes gebracht wurde.
Französische Militärärzte nannten die Seuche «Drei-Tage-Fieber», weil die Erkrankung meist nur wenige Tage dauerte.
Ungewöhnlich war, dass die Sterblichkeit bei jungen Erwachsenen zwischen 20 und 40 Jahren am höchsten war. Und unerwartet waren auch der ausgesprochen aggressive Charakter der Krankheit und ihr rascher Verlauf.
Todesursache war nicht das Virus selbst, sondern in den allermeisten Fällen eine bakterielle Lungenentzündung, wogegen noch keine Arzneimittel zur Verfügung standen.

In kürzester Zeit entwickelte sie sich zur bisher verlustreichsten Pandemie, welche je nach Schätzung 35 bis 50 Millionen Menschenleben kostete. Da auch der spanische König Alfons XIII. daran erkrankte und die ersten unzensierten Nachrichten über die Seuche aus Spanien kamen, nannte man sie «Spanische Grippe». Heute bezeichnet man den Erreger der Spanischen Grippe als Grippevirus H1N1.
Die Mediziner kannten weder die Ursache der Seuche noch Behandlungsmethoden zu deren Bekämpfung. Die Krankenhäuser waren so überfüllt, dass Notlazarette eingerichtet werden mussten.
Die Pandemie verlief weltweit in drei Wellen. Nach einer ersten kleineren Welle im Frühling 1918 war die zweite Welle in den Monaten Oktober bis Dezember ungleich heftiger. In der dritten Welle im Winter / Frühling 1919 zeigte sich endlich eine Abschwächung der Ansteckungen.

Symptome der Spanischen Grippe[Bearbeiten]

Die Erkrankten litten schlagartig an:

  • Frösteln oder Schüttelfrost
  • Müdigkeit
  • Kopf-, Glieder-, Rückenschmerzen
  • Reiz- oder Krampfhusten
  • Lungenentzündung

Die Körpertemperatur begann über die Dauer von ein, zwei Tagen zu steigen. Das Fieber stieg bis auf 40 Grad, teils auch darüber. Die Pulsfrequenz war zudem verlangsamt. Nach wenigen Tagen fiel das Fieber wieder ab. Den meisten Kranken ging es dann besser. Wer nicht starb, litt oft ein Leben lang unter Schwäche oder neurologischen Funktionsstörungen.

Die Pandemie erreicht die Schweiz[Bearbeiten]

Militärkrankenzimmer
Turnhalle als Krankensaal
Ärzteteam an der Versorgung eines Patienten

Ende 1917 litt ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung auf Grund von Versorgungsengpässen und Ernteausfällen an Hunger und Unterernährung. Als die Spanische Grippe im folgenden Frühling die Schweiz erreichte, traf sie so auf geschwächte Menschen, die besonders anfällig waren.
Eingeschleppt wurde die Seuche vermutlich in Austauschzügen mit Kriegsverwundeten und Internierten, die das Land durchquerten. Betroffen waren anfangs Grenzbesetzungstruppen und Rekrutenschulen. Durch zurückkehrende Soldaten gelangten die Ansteckungen schliesslich in die Dörfer. Bereits die erste Erkrankungswelle ab Frühsommer 1918 brachte zahlreiche grippebedingte Todesfälle.

50% der Schweizer Bevölkerung wurde in der Folge von dieser "Influenza Epidemie" angesteckt.
Die Behörden hatten, wohl in Erwartung einer nur kurzen Kriegsdauer, erst spät und dann teilweise ungeeignete Massnahmen ergriffen.
Zwischen Juli 1918 und Mai 1919 starben schweizweit von den 3'800'000 Einwohnern etwa 25 000 Personen an dieser Krankheit. Die Sterblichkeit stieg um 41%, gleichzeitig sank die Lebenserwartung von 55,4 auf 46,3 Jahre.

Umgang mit der Pandemie[Bearbeiten]

Die Anzahl Grippetoter wurde immer grösser. Es gab Pflegerinnen, die tagelang nicht aus ihren Kleidern kamen und Tag und Nacht an den Krankenbetten weilten, bis sie entweder selbst zusammenbrachen oder krank wurden.
Medizinisches Personal und Forscher widersprachen sich über Herkunft, Verbreitung und Behandlung der Krankheit. Fehlinformationen waren sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der täglichen Presse zu lesen.

Um der Seuche Herr zu werden, wurden einschneidende Massnahmen angeordnet:

  • Schulen wurden geschlossen
  • Restaurants und Kaffees hatten Einschränkungen in den Öffnungszeiten
  • Poststellen wurden vorübergehend geschlossen
  • Der öffentliche Verkehr fuhr unregelmässig
  • Freizeitaktivitäten in Gruppen waren verboten
  • Theater, Kinos, Tanzlokale wurden zeitweise geschlossen
  • Konzerte wurden abgesagt
  • Kirchen wurden geschlossen
  • Beerdigungen wurden auf fünf trauernde Personen beschränkt
  • Gräber wurden auf Vorrat ausgehoben, damit die Toten schnell begraben werden konnten

Grosse Widersprüchlichkeit gab es bei den Anordnungen über Veranstaltungsverbote und Restaurantschliessungen zwischen den einzelnen Kantonen.
Dieser Seuchenausbruch in der Schlussphase des 1. Weltkriegs und die wirtschaftlich dramatische Lage führte zu heftigen sozialen Auseinandersetzungen. Diese gipfelten am 12. November 1918 in einem landesweiten 3-tägigen Generalstreik, als schwerste politische Krise unseres Bundesstaates.

Ein Mundart-Gedicht von Lina Wisler-Beck vom 22.6.1920 umschreibt die damalige Situation:

Längwiligi Zitte

Niene isch Chilbi u niene isch Tanz
deheime ums Hus um versuret me ganz.
I ha mer scho mängisch der Chopf fasch verheit
was ächt no wär z’mache, dass Zyt umegeit.

Wär gwanet isch z’gumpe und z’tanze, o je
däm düe halt die Süche-Verordnige weh.
E jede muess säge, churzwiligs isch’s nit
No bsunders für ledigi, lustigi Lüt.

Grad äbe der Sunndig wird eim eso läng
s’Furtgoh isch verbote, u nämlech no sträng,
Gsiech eim deno öpper, o weisch de häts gfählt
do müesst me schwär buesse – u-ni ha kes Gäld!

Drum blieb i doheime. I schicke mi dry
u hoffe dä Jammer gang öppe verby.
I bi ja nid einzig, s’trifft anderi o,
s’isch ume es gwane, – Mi zahmet de scho!

Massnahmen im Appenzellerland[Bearbeiten]

Amtsblatt AR vom 16.10.1918

An der Sitzung vom 12. Oktober 1918 in Lutzenberg beschloss die Ausserrhoder Regierung weitergehende Massnahmen.
Im Amtsblatt vom 16. Oktober 1918 wurden diese gleich auf der ersten Seite als „Influenza-Epidemie-Massnahmen“ publiziert. Bis auf weiteres waren verboten:

  • Alle Veranstaltungen, welche zu grösseren Versammlungen führen können
  • Alle öffentlichen und nichtöffentlichen Tanzanlässe
  • Alle Konzertanlässe in Tanzsälen an Stelle von Tanzvergnügungen
  • Alle theatralischen Aufführungen in geschlossener oder offener Gesellschaft
Werbung zur Telefondesinfektion

Der Kanton Appenzell Ausserrhoden empfahl Schutzmasken zu tragen (die aber im Nachhinein als untauglich betrachtet wurden). Sobald sich jemand ansteckte, musste er in Selbstisolation mit strikter Bettruhe. Schon damals empfahl man ein Niesen in die Armbeuge, auch Telefone wurden desinfiziert.

Am 18 Januar 1919 hob der Kanton Appenzell Ausserrhoden die von ihm angeordneten Verbote wieder auf, da die erwartete dritte Welle hierzulande ausblieb.
Insgesamt wurden von den rund 54'000 Einwohnern des Kantons 9809 erkrankte Personen gemeldet, wovon 239 Todesopfer starben. Fast jede 5. Person war an dieser Grippe erkrankt.

Hygiene und Distanz waren schon damals Eckpfeiler, um die Verbreitung eines Virus einzudämmen. Nach den zwei Wellen der Spanischen Grippe in den Jahren 1918 und 1919 sah es die Sanitätskommission im Februar 1920 angezeigt, nochmals ausführlich auf die Gefahren einer Grippe hinzuweisen, Verhaltensregeln festzulegen und Aberglaube zu widerlegen. Das Merkblatt schliesst mit dem Abschnitt 8 zur Bewahrung von Ruhe und Geduld angesichts der Situation.

Die Spanische Grippe in Speicher[Bearbeiten]

Mitten im Sommer 1918, also etwas verzögert, trat die «Spanische Grippe» auch in Speicher auf.
Obwohl sich der Krankheitsverlauf zu Anfang meist noch harmlos äusserte, blieben die Schulen nach den Sommerferien für drei Wochen geschlossen.
Nach einem vorübergehenden Rückgang in der zweiten Augusthälfte kehrte die Grippe in einer zweiten Welle sehr viel aggressiver zurück. Bis Ende Jahr gab es unter den 3080 Einwohnern Speichers 482 ärztlich gemeldete «Influenza- Epidemie» - Erkrankungen und eine grössere Anzahl ungemeldeter Krankheitsfälle. Ein Dokument der Sanitätskommission für die Woche vom 20.- 26. Oktober 1918 zeigt die eingetroffenen Grippemeldungen. Jene Woche war gleichzeitig der Höhepunkt der Seuche in Speicher. Danach flachte die Menge der wöchentlich Erkrankten wieder ab.

Bis zum Ende der Pandemie hatte Speicher total 6 an der Grippe Verstorbene zu beklagen, die meisten davon jüngere Männer.
So gesehen kam Speicher im Gegensatz zu anderen Gemeinden im Kanton Appenzell Ausserrhoden und der restlichen Schweiz recht glimpflich davon.

Per Ende Mai 1919 war die Schweiz grippefrei, so dass auch der Bundesrat seine Beschlüsse zur Pandemie aufheben konnte.


Quellen: Wikipedia, SRK, Staatsarchiv AR: StAAR_CA.C12_40_09_11, StAAR_Ca.P05-07-075_Statistik, StAAR, Ca.C12-40-09-43
Text: Paul Hollenstein 2020,
Fotos: SRK