Schlacht bei Vögelinsegg

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Schlacht bei Vögelinsegg

Die Schlacht bei Vögelinsegg wird gemeinhin mit den sogenannten Appenzeller Freiheitskriegen in Verbindung gebracht. Forschungsergebnisse aus dem Übergang vom 20. Ins 21. Jahrhundert zeigen nun aber ein sehr viel differenzierteres Bild, das die „traditionellen“ Sichtweisen mehrfach korrigiert. Kurz: die Schlacht bei Vögelinsegg fand weder auf dem Gebiet von Speicher, geschweige denn auf Appenzeller Boden statt, noch ging es um eine Schlacht zwischen Truppen des Abtes von St. Gallen und den Appenzellern und darüber hinaus ging es ganz wesentlich auch um einen Stellvertreterkrieg zugunsten der Machtgelüste von Schwyz.

Zum Ort des Geschehens: Die Schlacht fand oberhalb der heutigen Haltestelle Rank statt und wird in alten Quellen als Schlacht beim Hof „Loch“ erwähnt, der heute noch so heisst.

Zu den Kampfparteien: Im Wesentlichen kämpfte auf der einen Seite ein Heer der Stadt Konstanz mit einigen Verbündeten des Bodenseestädtebundes, auf der andern Seite die Appenzeller mit tatkräftiger Unterstützung aus Schwyz und zu einem kleinen Teil aus Glarus, Nidwalden und Zug.

Vorgeschichte

1312 gründeten die Städte Konstanz, Zürich, St. Gallen und Schaffhausen den Bodenseestädtebund, der als gemeinsames Schiedsgericht bei Streitigkeiten dienen sollte. Konstanz stand überdies zusammen mit Ulm dem Schwäbischen Städtebund vor.

Am 26. September 1377 wurden die „Lendlin“, nämlich die Ämter Appenzell, Hundwil, Urnäsch, Gais und Teufen mit Erlaubnis ihres Herrn, des Abtes von St. Gallen, in den Schwäbischen Städtebund aufgenommen. Gleichzeitig wurden die „lendlin“ den Städten Konstanz und St. Gallen als Schutzmächten mit sehr weit gehenden Handelskompetenzen unterstellt (Stefan Sonderegger 1997 und Steiler 2004), möglicherweise errichtete man diese Obhut, weil man den Appenzellern nicht so ganz vertraute. Vom 4. Juli 1379 datiert das erste Appenzeller Landessiegel an einer Urkunde des Schwäbischen Städtebundes.

1379/80 fordert der Abt von St. Gallen die (Wieder-)einhaltung der Pflichten (Huldigung, d.h. Steuern und Abgaben gemäss bestehendem, aber einige Zeit nicht mehr strikt ausgeübtem Recht). Die Stadt St. Gallen und die Appenzeller akzeptieren die Forderungen nicht, so dass es zu einem ersten Schiedsspruch kommt, der zugunsten des Abtes Kuno von Stoffeln ausfällt. Alle Schiedssprüche innerhalb des Städtebundes wegen Streitigkeiten zwischen dem Abt von St. Gallen und seinen Untertanen fielen während rund zwanzig Jahren immer zugunsten des Abtes aus, Gerichtsort war Konstanz, das damals quasi als neutrale Macht die führende Rolle innerhalb des Bundes ausübte.

1390 wird der Schwäbische Städtebund aufgelöst, es bleibt der Bodenseestädtebund.

1392 verbündet sich der Abt von St. Gallen mit Habsburg (Herzog Leopod IV.), ein Jahr darauf die Stadt Konstanz ebenso.

Am 17. Januar 1401 verbündet sich die Stadt St. Gallen im sogenannten Volksbund mit Appenzell, Hundwil, Urnäsch, Trogen, Teufen, Speicher, Gais, Wittenbach, Gossau, Herisau, Waldkirch und Bernhardzell.

Am 18. Januar 1401 (man beachte das Datum!) wird Abt Kuno von Stoffeln Konstanzer Bürger. Damit wurde Konstanz Partei, wenn es um Streitigkeiten zwischen dem Abt und Mitgliedern des Bodenseestädtebundes ging. Der Abt klagte folgerichtig gegen den unrechtmässigen Volksbund und erhielt am 27. April 1401 vor dem Schiedsgericht in Konstanz vollumfänglich Recht: Der Volksbund müsse aufgelöst werden, was allerdings nicht sofort erfolgte.

Am 2. November 1402 erfolgt in der gleichen Sache ein zweiter Gerichtsentscheid, wieder in Konstanz und mit dem gleichen Ergebnis. Die Stadt St. Gallen akzeptiert das Verdikt, die Appenzeller nicht. Auf ihrer Suche nach Verbündeten stossen sie auf die Schwyzer, deren Expansionsgelüste längst weit in den Osten reichen und vor allem gegen Österreich (Habsburger) gerichtet sind. Die Schwyzer nehmen die Appenzeller in ihr Landrecht auf (Sie wollten gen Schwitz schweren Mit den von Appenzell …“ ) Diese Verbindung ist zwar nicht urkundlich belegt, aber in einem Schiedsspruch vom 4. Mai 1403 in Zürich wurde auf Klage anderer eidgenössischer Orte verfügt, dass das Zusammengehen von Schwyz und den Appenzellern nicht rechtmässig sei, wobei die Schwyzer 10 Tage später gegenteilige Fakten schufen. Konstanz, seit 1393 verbündet mit Habsburg, sah im Zusammengehen von Schwyz (Gegner Habsburgs) und den Appenzellern wohl eine Gefahr für die Vormachtstellung im eigenen Einflussgebiet, dem des Bodenseestädtebunds. Das Bündnis Appenzell-Schwyz war für Konstanz somit Auslöser für ein militärisches Eingreifen um die Appenzeller zu disziplinieren. In einem solchen Fall waren alle Mitglieder des Bundes verpflichtet, Hilfe zu leisten, also auch die St. Galler.


Schlachtverlauf

Als gesichert gilt das Datum der Schlacht: 15. Mai 1403. Zum Schlachtverlauf selber sind nach wie vor keine zeitgenössischen Quellen bekannt. In Quellen aus dem 20. Jahrhundert (Wilhelm Ehrenzeller, 1931) erstellte Schlachtpläne sind nach heutiger Sicht reine Spekulation. Aus den oben erwähnten Ereignissen und entsprechenden Hinweisen lässt sich schliessen, dass auf der einen Seite Truppen des Bodenseestädtebundes standen, hauptsächlich wohl Konstanzer Truppen mit einigen andern Städtebundstruppen und wahrscheinlich nur sehr wenigen St. Gallern, auf der andern Seite unter schwyzerischem Kommando hauptsächlich Appenzeller und wenige Schwyzer mit ihren Verbündeten. Um die Städtebundstruppen aufzuhalten, hatten die Appenzeller etwas oberhalb vom Hof Loch in einem damals noch existierenden Hohlweg eine Letzi errichtet. Dort überfielen die Appenzeller den zum Stillstand gekommenen Heerzug. Die angegriffenen Truppen flohen zurück, die Appenzeller setzten ihnen nach, angeblich soll in der Stadt St. Gallen eine Mühle (wohl beim Spisertor) in Brand gesteckt worden sein. Bei umfangreichen Geländeveränderungen von 1900 im Zusammenhang mit dem Bahn- und Strassenbau im Raum des Schlachtfeldes sind indes keinerlei Spuren einer Schlacht entdeckt worden, so dass unklar bleibt, welche Art von Kampfhandlungen überhaupt stattgefunden hat. Über die Zahl der Gefallenen herrscht ebenfalls Unklarheit. Einerseits war den Siegern wohl kaum das Zählen von Opfern wichtig, andrerseits dürften die Verlierer die „Schmach“ nicht an die grosse Glocke gehängt haben. Somit bleiben nur Quellen aus späteren Zeiten mit unsicherer Herkunft der Angaben oder indirekte Hinweise aus Nekrologen und Testamentbüchern.

Je nach Quelle gab es zwischen 90 und 150 Opfer auf Konstanzer Seite. Konstanzer Chroniken erwähnen 90 gefallene Konstanzer, Vadian und Tschudi erwähnen - weit über hundert Jahre nach dem Ereignis - 99 Konstanzer Tote und in der Zürcher Chronik von 1420/30 sind 150 getötete Konstanzer erwähnt. Dass so viele Gefallene zurück nach Konstanz gebracht wurden ist eher unwahrscheinlich, es dürfte sich vor allem um wenige höher gestellte Personen gehandelt haben. Sowohl Vadian, Aegidius Tschudi und Christoph Schulthaiss (alle Mitte bis Ende 16. Jh.) erwähnen, dass viele Gefallene neben dem Kloster St. Gallen in der Peterskapelle in einer Grube bestattet wurden. Im Jahre 2000 wurde ein in der Augustinerkirche in Konstanz beigesetzter Leichnam untersucht. Der etwa 40 Jahre Mann gehörte der Oberschicht an, die nachweisbaren Verletzungen an Kopf und Hals und die Jahreszahl auf der Grabplatte lassen vermuten, dass er bei der Schlacht bei Vögelinsegg ums Leben kam.

Ein Detail aus dem Schlachtgeschehen ist auch der (vermeintliche?) Verlust des Konstanzer Banners. Chroniken der schweizerischen Geschichtsschreibung (Zürcher Chronik aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, Berner Chronik und weitere) berichten, die Schwyzer hätten zwei Banner erbeutet, ein Rossfenli aus Konstanz und ein Banner aus Überlingen. Letzteres sei 1448 zurück gegeben worden, die Konstanzer Fahne sei 1642 beim Dorfbrand von Schwyz verloren gegangen. In Chroniken der Stadt Konstanz (aus dem 15. und 16. Jahrhundert) wird hingegen ausdrücklich erwähnt, das Banner sei nicht verloren gegangen. Empfanden die Konstanzer Chronisten den Verlust als Schande und machten ihn einfach ungeschehen?

Politische Folgen

Eine direkte Folge der Niederlage bei Vögelinsegg war das Ende der Vormachtstellung von Konstanz im Bodenseestädtebund. Wie bereits erwähnt, waren die Schwyzer ein starker, nicht nur uneigennütziger Bündnispartner auf Seiten der Appenzeller. Nach der Schlacht am Stoss (1405) waren appenzellische Truppen zugunsten von Schwyz im gleichen Jahr auch bei der Unterwerfung der March beteiligt. Der Einfluss von Schwyz auf Appenzell war so gross, dass Schwyzer ab 1403 für einige Zeit den Ammann und die Hauptleute in Appenzell stellten. Namentlich bekannt sind der gemäss Appenzeller Reimchronik verhasste Löri Loppacher, Wernli Sepp, Konrad Kupferschmid und Johann Kupferschmid. Letzterer führte die Appenzeller 1408 in die verlorene Schlacht von Bregenz. Mutmasslich vertraten diese Schwyzer Amtleute Appenzell in Verhandlungen gegenüber Dritten, führten die Truppen (u. a. Schlachten Vögelinsegg und Stoss) und übten richterliche Funktionen aus. 1404 wurde auf Schwyzer Veranlassung ein Wochenmarkt in Appenzell eingeführt, dies als klare Konkurrenz zu St. Gallen. Erst 1411, mit der Aufnahme von Appenzell ins Burg- und Landrecht der eidgenössischen Orte, endete der von den andern eidgenössischen Orten mit Argwohn betrachtete und teils sogar mit Schlichtungsversuchen bedachte Einfluss von Schwyz auf Appenzell. Es dauerte aber noch mehr als hundert Jahre, bis Appenzell nach drei vergeblichen Anläufen als 13. Ort in die Eidgenossenschaft aufgenommen wurde.


Text: Peter Abegglen, als Quelle diente: Peter Niederhäuser, Alois Niederstätter „Die Appenzellerkriege - eine Krisenzeit am Bodensee?“, UVK-Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2006. Das Werk enthält umfangreiche und detaillierte Quellenangaben. Verschiedenen Autoren (hier Andreas Bihrer, Stefan Sonderegger, Peter Niederhäuser und Andreas Meyerhans) beleuchten regionale Sichtweisen und ordnen die jüngsten Forschungsergebnisse in einen Gesamtzusammenhang.