Eugster Jogg zum 100.

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Am 23. April 2021 durfte Jakob Eugster, oder "Jogg", wie er sich selber schreibt, seinen 100. Geburtstag feiern. Die Feier fiel allerdings coronabedingt ins Wasser. Die Einladung und die Absage zeigen, wie Jogg Eugster alles selber im Griff hat. Alles Schriftliche von Jogg Eugster ist Handschriftliches!

Denkwürdiger 100. Geburtstag

Obwohl kein grosses Fest stattfinden durfte, empfing Jogg Eugster am 23. April viele Verwandte, Freunde und Bekannte, die ihm Glückwünsche, Blumen und kleine Geschenke überbrachten und auch gerne zu einem kleinen Schwatz Platz nahmen in seiner Stube. Eugen Auer, wohl der bekannteste Speicherer Verseschmied, liess es sich nicht nehmen, eigens für den Jubilar einen Vers zu machen. Die beiden sehen sich als Bewohner in der Siedlung HOF täglich und sind beide nie um einen Spruch verlegen.

Jakob Eugster zum Hundertsten

Eugster J 100.JPEG

Man ist perplex und höchst verwundert,
der Jakob Eugster wird heut hundert.
Wer hätte so etwas gedacht!
Wenn Jakob seine Spässchen macht,
wenn hintergründig und verschmitzt
der Schalk aus seinen Augen blitzt,
und wenn man ihn alltäglich sieht,
wie er mit Stock dem Hof entflieht
und dorfwärts schreitet, gut gelaunt,
so sagt sich jedermann erstaunt,
hält uns der gute Jogg zum Narren,
auf dass in Ehrfurcht wir erstarren?
Wohl kaum, wie man es dreht und wendet,
der liebe Eugsters Jogg vollendet
tatsächlich seine hundert Jahre,
an seinem Kopf schlohweisse Haare,
der Leib noch stramm, wenn nicht gar prächtig,
die Denkerstirn des Geistes mächtig,
und ohne jede lange Leitung
liest er die Appenzeller Zeitung,
und das ist wirklich allerhand,
denn dieses Blatt verlangt Verstand.
Man sieht, er ist aus gutem Holz,
und wir im Hof sind alle stolz,
dass er bei uns als Freund verweilt,
des Hofes Alltag mit uns teilt,
uns täglich mit Humor erfreut,
und deshalb senden wir ihm heut
ganz dicke Gratulantenposcht,
jo bigoscht.

23. April 2021 / Eugen Auer

Interview im Gemeindeblatt Speicher, April 2021

Jakob „Jogg“ Eugster feierte am 23. April seinen 100. Geburtstag. Er ist in Speicher in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen und verbrachte mit wenigen Ausnahmen sein Leben in Speicher. Mit Jogg Eugster sprach Peter Abegglen.


Lieber Jogg, zunächst ganz herzliche Gratulation zu diesem doch seltenen Geburtstag! Du hast dafür alles schon vor einiger Zeit vorbereitet, die Gäste mit einer selbst gestalteten handgeschriebenen Karte eingeladen. Coronabedingt musste nun das geplante grosse Fest ausfallen.

Ja, leider konnte ich nicht wie geplant feiern, aber es sind doch viele Leute vorbei gekommen und es war ein sehr schöner aber natürlich auch anstrengender Tag. Jetzt erinnern mich noch die Blumen und die vielen schriftlichen Wünsche an dieses ausserordentliche Ereignis. Den Blumen habe ich schon frisches Wasser gegeben, aber die werden bald einmal welken und dann gibts wieder Platz in der Stube.


Da spricht ja schon wieder der Schalk aus dir. Humor ist auch das, was viele andere an dir so schätzen. Du hast es bereits in jungen Jahren verstanden, Leute zu unterhalten und auch heute bist du nie um einen Spruch verlegen.

Schalk und Humor sind mir nicht in die Wiege gelegt worden, ich bin eigentlich erst im Turnverein darauf gekommen, dass ich mit Witzen, Sketches und Conférence Leute zum Lachen bringen kann. Für mich war das eine Art Bestätigung dafür, dass auch ich etwas Besonderes kann. Ich musste in meiner Kindheit lange eher zurück stehen und habe mir dadurch lange Zeit nicht allzu viel zugetraut. Offenbar hat sich meine Art, Unterhaltung zu machen, herum gesprochen, wurde ich doch bald im ganzen Appenzellerland, ja sogar bis Bern als Conférencier und Unterhalter engagiert. Ich spürte jeweils schnell, ob ich mit meinen Nummern ankam oder nicht, denn meine Devise war, dass spätestens nach drei Minuten die ersten Lacher fallen mussten.


Heisst das, du warst eine Unterhaltungskanone? Gibt es dazu denkwürdige Ereignisse?

In Langenthal stand ein Auftritt bevor. Leicht dösend hörte ich vom Kondukteur „Langenthal!“, schoss auf, packte oben in der Gepäckablage mein Köfferchen mit der Sennentracht, die ich für eine Nummer brauchte. Auf dem Perron merkte ich, dass es nicht mein Koffer war, er enthielt nämlich eine Skiausrüstung. Ich meldete mich beim Bahnhofvorstand. Er war schon informiert, der andere Passagier habe schon gemeldet: „Welches A… den Koffer verwechselt habe!“ Mit Hilfe der SBB ging der Koffertausch schneller, als es heute möglich wäre.


Nebst solch lustigen Episoden, gab es bestimmt prägende Ereignisse in deinen mittlerweile zehn Lebensjahrzehnten?

Der Reihe nach sind es sicher die Schulzeit, das Militär mit insgesamt zwei fast zwei Jahren Aktivdienst, dann Heirat und Familie und auch das Berufsleben als Schriftsetzer. Eine Zäsur war die Pension, die es mir erlaubte, mich ganz dem grossen Garten zu widmen. Wenn ich an die letzten zwanzig Jahre denke, muss ich sagen, dass ich trotz einiger Altersbeschwerden ein selbst bestimmtes Leben führen darf. Seit einigen Jahren lebe ich jetzt leider allein, musste ich doch von meiner Frau Martha für immer Abschied nehmen.


Es ist auffallend, wie fit, ich meine das durchaus geistig wie körperlich, du noch heute bist. Worauf führst du das zurück und wie verbringst du deine Zeit?

Gesund alt zu werden ist zum grössten Teil Glück, das einem zufällt. Klar, ich habe mein ganzes Leben Freude an der Bewegung gehabt, sei es mit Velo fahren, Skifahren, im Turnverein oder in den letzten Jahren mit täglicher Gymnastik und heute noch mit Spaziergängen. Wichtig ist, dass man sich selbst auch immer wieder einen Schubs gibt und sich nicht gehen lässt. Ich freue mich, dass ich immer noch den Aufstieg hinauf aufs Birt schaffe, dort auf der Sitzbank den Gedanken nachhängen und dann, mit etwas weniger Anstrengung, weil abwärts, wieder zurück nach Hause kann. Ich schätze es sehr, unter Leute zu kommen, seien es Bekannte auf der Strasse oder die Nachbarn in der Siedlung, da bin ich immer für einen Schwatz zu haben. Ich mache auch für Nachbarinnen die eine oder andere Besorgung im Dorf, das tut nicht nur mir gut. So wie früher sind mir auch heute noch die sozialen Kontakte wichtig und wenn ich mal mit einem träfen Spruch andere zum Lachen bringen kann, dann freut das auch mich. Aber ich kann ja nicht nur unterwegs sein, zu meinem Tagesablauf gehört ein ausgiebiges Frühstück mit Filterkaffee, Schmalz und Hung, Zeitung lesen, ab und zu ein Telefonat oder auch einen Brief schreiben. Schreiben war schon immer eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, das fing schon im Turnverein an, wo ich den Anschlagkasten betreute, Protokolle schrieb, Eingaben machte usw. Und jetzt sind es Einladungskarten für den Geburtstag.


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In hundert Jahren hat sich auch die Welt, in der man lebt, verändert. Welches sind bedeutende Veränderungen, die du mit erleben konntest?

Heutige Kinder in der Schweiz können sich wohl kaum vorstellen, dass man in einem Haus aufwachsen kann ohne Stromanschluss und ohne fliessendes Wasser im Haus. Ein Telefon gab es weit weg bei einem Nachbarn. Wenn er uns einen für uns bestimmten Anruf ausrichtete, kam er vorbei, berichtete den Inhalt und bekam dafür zwanzig Rappen. Eine viel beachtete Neuerung war dann das Motorrad, später die ersten Autos. Schon vorher sah man ab und zu einen Zeppelin, bis dann auch Flugzeuge über den Himmel knatterten. Überhaupt das Reisen! Ich erinnere mich, dass es damals in Speicher sogar ältere Leute gab, die noch nie in St. Gallen waren, Zürich kannten nur wenige. Nebst den eigenen Füssen, war das Velo unser beliebtestes Fortbewegungsmittel, ideal dafür waren die Pumphosen - Knickebocker. Das mit der Mode ist auch so eine Sache. Nebst der sich ändernden Rocklängen war bei den Frauen auch das Schminken plötzlich hoch im Kurs, nicht unbedingt zu meinem Missfallen … Verändert hat sich auch das öffentliche Leben. Wer Geselligkeit suchte, fand sie in einem Dorfverein. Die grösseren Anlässe spielten sich zu einem grossen Teil im Löwen (heute Appenzellerhof, Red.) ab. Dort hatte fast jeder von den vielen und mitgliederstarken Vereinen seine jährliche Unterhaltung mit garantiert vollem Saal.


Jeder Mensch hinterlässt im Leben Spuren. Welches sind deine? Worauf bist du stolz?

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Stolz bin ich nicht, ich bin dankbar für all das, was ich tun konnte, was ich mir auch erkämpfen musste gegen Widerstände. In meiner aktiven Zeit als Politiker, ob als Kantonsrat oder als Schulpräsident, war ich mir als Sozialdemokrat Widerstand und Ablehnung gewohnt. Dennoch habe ich einiges erreicht. Ein Beispiel ist der Dorfbrunnen, der heute kaum mehr wegzudenken ist vom Dorfplatz. Es brauchte damals viel Überzeugung und Unterstützung, anstelle von Parkplätzen etwas Schönes zu realisieren. Vielleicht bleibt als Spur in einigen Köpfen der eine oder andere meiner Sprüche haften, dann bleibt ein vergängliches Lächeln. So, Schluss jetzt! Nimmst du auch ein Gläschen Wein?


Ohne meine Antwort abzuwarten, steht Jock auf, holt zwei Gläser und schenkt, ohne auch nur ein bisschen zu zittern, ein.


Und worauf sollen wir anstossen?

Dass ich, wenn meine Stunde kommt, einfach einschlafen darf!