Sticken

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Geschichte der Stickerei in Speicher und der Ostschweiz[Bearbeiten]

Unsere Wirtschaftsgeschichte ist stark mit der Geschichte dem Textilgewerbe resp. der Textilindustrie verbunden. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Textilarbeit zur Haupterwerbsquelle in Speicher. Das ging auch mit einem grossen Bevölkerungswachstum einher:
Von 1800 bis ins Jahr 1910 stieg die Einwohnerzahl Speichers von 2269 auf 3315 Einwohner an.
Begleitet wurde dieser Umstand von einer regen Bautätigkeit. Die Häuser der Heimarbeiter waren meist Wohnung und Arbeitsplatz in einem. Sie prägen bis heute mit ihren allgegenwärtigen Webkellern und Sticklokalen das Erscheinungsbild Speichers. Ab 1810 nahm die Nachfrage nach Stickerei derart zu, dass fieberhaft nach technischen Lösungen zur Vergrösserung der Produktion gesucht wurde.

Handstickmaschine ermöglicht enorme Produktionssteigerung[Bearbeiten]

Aber erst 1829 gelang mit der Erfindung einer Mehrnadel-Plattstich-Handstickmaschine durch den Elsässer Josua Heilmann ein Durchbruch in der Produktionssteigerung. Seine mit 300 Nadeln ausgerüstete Maschine konnte das gewünschte Muster vielfach auf den Stoff übertragen. Mit dieser Handstickmaschine konnte ein geübter Sticker die Arbeit von 20 bis 30 herkömmlichen Stickerinnen erledigen. Diese Maschine blieb bis zum Ende der Handstickerei technisch so gut wie unverändert, wenngleich sie erst um 1850 durch Modifikationen von Jacob Bartholome Rittmeyer wirklich ausgereift war und in großer Zahl produziert wurde.
1846 gab es in Speicher bereits 27 Stickfabrikanten. Aus dem Bericht über die Industrie im Appenzellischen Jahrbuch von 1870 geht hervor, dass sich die Maschinenstickerei seit 1866 befriedigend entwickelte.
"Namentlich hat Speicher die Situation richtig erfasst und ist weitaus der größte Produzent".

In praktisch jedem zweiten Haus stand eine Handstickmaschine, die Stickfabriken nicht eingerechnet.

Selbst Handwerker und Bauern steckten ihre Ersparnisse in Stickmaschinen mit der Hoffnung, gute Gewinne zu erwirtschaften. Im Kanton Appenzell AR liefen 1875 rund 3000 Maschinen, weitere 1000 waren im Bau begriffen. Die Handsticker-Heimarbeiter waren stolz auf ihre Unabhängigkeit und auch bereit, mehr und zu schlechteren Löhnen zu arbeiten als die Fabrikarbeiter. Um die Existenzsicherung zu gewährleisten, war deshalb die ganze Familie in den Arbeitsprozess einbezogen.

Schifflistickmaschine verdrängt Handstickmaschine[Bearbeiten]

Stickerei Ballungszentrum Ostchweiz um 1910

Erst ab etwa 1890 wurde die Handstickmaschine langsam durch die von Isaak Gröbli entwickelte Schifflistickmaschine verdrängt, welche einen Motorantrieb hatte und rund 20-mal schneller arbeiten konnte. Während man bei der Plattstichstickerei die Vorder- und Hinterseite des Stoffes bestickt (1- Fadensystem), ist dies bei der Schifflistickmaschine durch die Technik bedingt nur auf der Vorderseite des Stoffes möglich (2- Fadensystem).

Allein in der Ostschweizer Textilindustrie wurden 1910 beinahe 20.000 Handstickmaschinen eingesetzt, die meisten standen immer noch bei Heimarbeitern in Stuben und Kellern, etwa ein Drittel in großen Stickfabriken.
Bis zum 1. Weltkrieg wurde die Stickerei zum grössten und wichtigsten Exportartikel der Schweiz. Nicht nur in den Kantonen Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Thurgau wurde gestickt, sondern auch in Vorarlberg. Wenn ein Produktionsmittel die Ostschweizer Stickerei zur Blüte getragen hat, dann ist es die Handstickmaschine.

Weltweite Wirtschaftskrise bringt auch Speicher in Not[Bearbeiten]

Bereits 1900 erkannte man die Probleme, welche unsere Region durch die einseitige Ausrichtung auf die Textilindustrie verursachen könnte.
Im Appenzellischen Jahrbuch findet man folgende Aussage:
"Obwohl die Schifflisticker einiges mehr verdienen könnten, sei den Handstickern geraten, nicht auf Schifflistickerei zu setzen. Handmaschinen Stickerei sei Spezialitätenstickerei für eher kleinere Aufträge, daher sehr flexibel. Die Schifflisticker sässen zu oft auf ihren Produkten, weil die Menge gegenüber dem Absatz zu massiv ausgefallen sei".

Die Blüte der Stickerei dauerte bis zum Ende der "Belle Époque", also dem Anfang des Ersten Weltkriegs und noch etwas darüber hinaus. Der Absatz brach komplett zusammen und die gesamte Region stürzte in eine grosse Wirtschaftskrise, welche sie um Jahrzehnte zurückwarf.

Von 1914 bis 1935 sank der Wert der exportierten Stickereien von 200 auf 12 Millionen Franken, verbunden mit riesigen Entlassungswellen und Auftragsrückgängen. Viele Abnehmerstaaten, darunter insbesondere die USA, betrieben nun auch eine extensive Schutzpolitik zugunsten ihrer einheimischen Produktion, indem sie die Stickerei - Importe mit überrissenen Zöllen belegten (kommt einem irgendwie bekannt vor) oder – wie Deutschland – ganz verboten.

Appenzell Ausserrhoden verlor in der Folge 22,5 Prozent seiner Bevölkerung.
In Speicher sank die Einwohnerzahl um 35,5%, so dass 1941 nur noch 2137 Personen wohnhaft waren, also 132 Personen weniger also im Jahre 1800.

Mehr als 90 Prozent der Stickmaschinen wurden verschrottet. Arbeitslosigkeit machte sich breit. Das Gedeihen Speichers war aufs engste mit der Textilindustrie verbunden. Beinahe 200 Jahre war sie die hauptsächlichste Verdienstquelle unserer Bevölkerung gewesen. Nun stürzte die Armut viele Bauern und Heimarbeiter in Verzweiflung, denn ihre gekauften Handstickmaschinen (auch als Hungerorgeln bezeichnet) mussten trotz fehlendem Einkommen abbezahlt werden. Das Klumpenrisiko einer einseitigen Industrie hatte man nicht rechtzeitig erkannt.

Für die Textilkaufleute hingegen war das Heimarbeiterwesen mit wenig Kapitalaufwand und Risiko verbunden. Maschinen und Produktionsräume ging zu Lasten der Heimarbeiter. Ausserdem hielt das Überangebot an Arbeitskräften die Löhne tief.

Trotz einem zwischenzeitlichen konjunkturellen Aufflackern nach dem Kriegsende 1918 fand wegen der maschinellen Konzentration ein steter Rückgang der Beschäftigten - und Betriebszahlen statt. In den Krisenjahren zwischen 1930 und 1940 verstärkte sich der Trend weiter, der nicht mehr gestoppt werden konnte. Der letzte Handsticker Speichers stellte seinen Betrieb im Jahre 1979 ein.

Michèlle Obama Stickerei aus St. Gallen


Die Automatisierung hatte die Handarbeit komplett verdrängt. In St. Gallen konnten sich noch namhafte Produzenten halten, welche weiterhin für den Weltmarkt qualitativ hochwertige Stickerei produzieren.
Unter anderem findet man Stickereien auch auch Kreationen von dem in Speicher ansässigen Modelabel "AKRIS".

So trug etwa Michèlle Obama am 20.1.2009 bei der Amtseinführung ihres Mannes Barak Obama zum 44. Präsidenten der USA ein Kleid mit Stickerei der Firma Forster-Rohner aus St. Gallen.
Nach und nach wird die Stickerei-Produktion in den fernen Osten verschoben, das kreative Zentrum bleibt aber weiterhin in der Ostschweiz.

Quellen:
Quelle: WIKIPEDIA, Appenzellische Jahrbücher
Photos: WIKIPEDIA
Text: Paul Hollenstein, 2019