Rechsteiner Chronik
Landesstatthalter Johann Bartholome Rechsteiner (1745 - 1818) verfasste um 1810/15 eine zweibändige Geschichte von Speicher. Von dieser Chronik sind zwei handschriftliche Fassungen bekannt: eine im Gemeindearchiv von Speicher (Mikrofilm im Staatsarchiv Herisau) und eine in der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden in Trogen. Die beiden Fassungen unterscheiden sich insofern, als nur das Trogener Exemplar baugeschichtliche Angaben aufweist und ihm zudem ein 30-seitiges Häuserinventar beiliegt. Im Häuserinventar ist das Baujahr aller Häuser seit dem ersten Kirchenbau von 1614 vermerkt. Ebenso sind Zeitpunkt und Art von Um- und Anbauten sowie die jeweiligen Besitzer aufgeführt.
Seit Sommer 2026 sind das Trogener Exemplar und das Häuserverzeichnis transkribiert und auf der Online-Plattform Wikisource abrufbar.
Aufgrund des Umfanges der Handschrift mit über 700 Blatt kann das Transkript aus technischen Gründen nicht auf einer Wikisource-Seite angezeigt werden, das Transkript wurde daher in Fortsetzungen zur Lesbarkeit zusammengefasst. Siehe unten: "Chronik zum Stöbern"
Johann Bartholome Rechsteiner - der Autor
Johann Bartholome Rechsteiner (1748–1818) machte eine kaufmännische Ausbildung im elterlichen Leinwandhandelsgeschäft, das er schliesslich übernahm. Mit seiner Frau, Barbara Rechsteiner, hatte er 14 Kinder, von denen nur fünf die Eltern überlebten.
Neben seiner Tätigkeit als Leinwandhändler war er Landwirt und Politiker: Ratsherr (Gemeinderat) in Speicher, von 1790 bis 1794 Gemeindehauptmann. Von 1790 bis 1798 war er Ausserrhoder Regierungsrat, teils zeitlich überschneidend als Landesstatthalter, Landesfähnrich. Landesbauherr und Landeshauptmann. 1798 hatte Rechsteiner für die oft „unpässlichen“ Landammänner turbulente Landsgemeinden zu leiten. Als Gegner der Helvetik floh er 1798 mit andern konservativen Amtsleuten ins Exil nach Vorarlberg und Lindau und wurde 1799 von der helvetischen Regierung für einige Monate nach Basel deportiert und dort unter Hausarrest gestellt.
Quellen und Ziele
Rechsteiner beschreibt in seiner Chronik, welches seine Quellen waren und was er mit der Chronik beabsichtigte:
"Von allen angemerkten ereignissen habe das merkwürdigste aussgehoben, auss denen Schweitzer und Appenzeller Chroniken und Manucript, wie auch aus andern Büchern und Schrifften gezogen, und was sich zu meiner zeit ereignet und zugetragen. Die begebenheiten mit vieler mühe und fleiss zusammen gesammelt, damit solches der Vergessenheit entrissen werde, und auch der Gemeind im Speicher nöthigenfalls zur Einsicht gewidmet seyn solle."
Als Quellen benennt er für die lokale Geschichte vor allem die 1740 erschienene Chronik des Speicherer Pfarrers Gabriel Walser, für regionale die dreibändige „Geschichte des Kantons St. Gallen“ von Ildefons von Arx, erschienen zwischen 1810 und 1813, für schweizerische und europäische Ereignisse Johannes von Müllers „Geschichte der Schweizer“ (1780). Dazu kommen, weniger häufig, die (Appenzeller) Chronik von Bartholomäus Bischofberger von etwa 1690 und weitere. Quellen detaillierter Daten zu Speicher waren die Kirchenbücher und Aufzeichnungen im Gemeindearchiv, zu dem er bestimmt uneingeschränkt Zugang hatte.
Inhalt und Bedeutung der Chronik
Auf rund 700 Seiten sind politische, wirtschaftliche, geografische, kulturelle und religiöse Ereignisse, oft auch die persönliche Sichtweise darüber teils minutiös aufgezeichnet. Rechsteiners Interessen gingen weit über das Berufliche hinaus. Er interessierte sich gleichermassen für Geschichte und Naturwissenschaften. Seine Motivation war, diese Erkenntnisse zusammen zu fassen. Rechsteiner war, wie viele Tabellen zeigen, ein Zahlenmensch. Die Chronik offenbart das Weltbild eines zwar aufgeklärten, aber konservativen, protestantischen Staatsmannes, der sich schwer tat mit den Veränderungen, die die Französische Revolution und die Zeit von Helvetik und Mediation mit sich brachten.
Die Aufzeichnungen sind vor allem aus lokalpolitischer, -historischer und gesellschaftlicher Sicht bedeutsam, verfasste sie doch ein für die Zeit eher gut gebildeter und interessierter Mensch, der in der Rolle eines Staatsmannes und Fabrikanten die Ereignisse der bewegten Zeit der französischen Besatzung sowohl als Bürger erlebte und als Amtsträger einordnete. Oft scheint er hin- und hergerissen zwischen konservativen, respektive bibelverbundenen Auslegungen von Beobachtungen und Geschehnissen und den „neuen“ Erkenntnissen und Errungenschaften der Aufklärung.
Das Häuserverzeichnis der Rechsteiner Chronik ist zumindest für Ausserrhoden ein einmaliges Dokument. Es diente für die Erstellung der Typologie der Bürger- und Bauernhäuser für das Werk "Die Kunstdenkmäler der Schweiz", Band Kanton Appenzell Ausserrhoden, als Hauptquelle. Eine beinahe nahtlose Fortsetzung zum Häuserinventar Rechsteiners bildet das alte Assekuranzbuch von 1854. Es enthält baugeschichtliche Angaben ab 1815 und ist nach Weilern und Hausnummern geordnet. Zusammen mit der Tannerchronik, die sich auf Rechsteiner stützt und späteren Assekuranzbüchern ergibt sich eine einmalig dokumentierte Geschichte von Hausbauten und Hausversetzungen. Für heutige Bewohner/innen von damals schon bestehenden Häusern sind Chronik und Häuserverzeichnis zudem eine Quelle von Informationen, die über Grundbuchangaben hinaus gehen.
Chronik zum Stöbern
Im Jahre 2017 startete das Projekt „Transkription der Rechsteinerchronik“ mit dem Ziel, das Exemplar Trogen der Chronik einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich, sowie für historisch-wissenschaftliche Zwecke schneller greifbar zu machen. Das Ergebnis: 700 Seiten, im frühen 19. Jahrhundert von Hand verfasst, im 21. Jahrhundert von der dreischiibe in St.Gallen digitalisiert und von den Projektbeteiligten Peter Abegglen, Annegret Abegglen, Patric Schnitzer und anfänglich Peter Klee transkribiert und auf die Online-Plattform Wikisource übertragen, wo die Chronik in Original und Transkription abrufbar ist. Die Übersicht über die ganze Transkription ist in der Infobox *Textdaten" der ersten Werkseite (rechts oben, erste Zeile mit mit Klick auf: >>>>>) einsehbar oder über diesen Link. Ein Klick auf die in eckigen Klammern stehenden Seitenzahlen führt auf die Doppelansicht von Original und Transkription.
Als Möglichkeit sowohl nur zum Lesen wie auch zum Download als PDF empfiehlt sich die Plattform Zenodo. Dort sind die Scans der Originalseiten nicht einsehbar.
Unterschiedliche Fassungen
- Exemplar Speicher: "Sammlung der Geschichten, so theils auf das Land Appenzell bezug haben, anders theils auch die alte Rood und Kirchhöri Speicher betrefend", 1815; Staatsarchiv AR Mg 24/1 und 24/2
- Exemplar Trogen: "Sammlung der Geschicht und Begebenheit der alten Rood und Gemeinde zum Speicher, was dahin bezug und antheil habe, von alten zeiten hergenommen", 1810; Kantonsbibliothek AR Ms. 401
- Häuserinventar: "Beschreibung von der gemeind Speicher wie solche mit Häussern und Gebäuen, von Zeit zu Zeit angewachsen und vermehrt worden, alles nach aussag und Erzehlung alther Leuthen und Schriften Beschreibung", um 1810 (anonym, allerdings gleiche Handschrift wie Rechsteiner); Kantonsbibliothek AR Ms. 401a
Quellen:
Katharina Baumann "Ein Dorf in Bewegung"
Thomas Fuchs: "Rechsteiner, Johann Bartholome", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version von 2009 (Artikel aus der HLS-Druckversion, bearbeitet am 22.06.2009). Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/041224/2009-06-22/