Musikverein Speicher

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Zwischen 1765 und 1873 musizierten in Speicher diverse Musikensembles. Nach der Helvetik war es vor allem Johann Heinrich Tobler, der während 22 Jahren die hiesige Musikkultur belebte. Alle weiteren Versuche, eine ständige Musikgesellschaft zu installieren, scheiterten jedoch kläglich.

Gründung des Musikvereins Speicher

Musikverein um 1890
Vereinsreise 1918

MVS Vereinsreise 2018.jpg Am 12. April 1887 fand im Restaurant Gemsli eine Versammlung statt, um abzuklären, ob eine Blechharmonie gegründet werden könnte. Schnell waren 12 Musikanten gefunden, die mitmachen wollten.
Am 22. Juni erfolgte an der ersten Hauptversammlung der neuen Musikgesellschaft die definitive Gründung. Gemeinderat Ulrich Sturzenegger wurde zum ersten Präsidenten gewählt. Eine Fachjury wählte Herrn Ostertag aus St. Gallen zum ersten Dirigenten, was sich aber als ein Fehlentscheid entpuppen sollte. Bereits im September 1887 übernahm Kassier Christian Bruderer interimsmässig die Leitung der neuen Blechharmonie, damit sie sich einen Monat später im Lusthäuschen auf der Megglenhöhe der Öffentlichkeit präsentieren konnte.

Bereits im November wurde Herrn Kastl für ein Quartalsgehalt von 120 Franken verpflichtet. Zur Verbesserung des Klangbildes schaffte die Musikgesellschaft einen B-Bass, ein B-Flügelhorn, zwei Basstrompeten und eine Posaune an. An der folgenden Neujahrsbegrüssung im Löwen taten sich die Musikanten mit dem Männerchor Frohsinn und dem Frauenchor zusammen. Dass die Musikgesellschaft auch am Landsgemeindesonntag sowie am Bettag von sich hören liess, half mit, dass die Dienste der jungen Musikgesellschaft vermehrt angefragt wurden.

1903 war das grosse Festjahr in Speicher. Zu feiern galt es die Eröffnung der Strassenbahn St. Gallen – Speicher – Trogen, die Einweihung des Schlachtdenkmals auf der Vögelinsegg mit einem Festspiel und dazu noch das Kantonalsängerfest. Bei all diesen Anlässen war das Mitwirken der Musikanten bereits eine Selbstverständlichkeit.

Schwierige Phasen

Einweihnung Tobler Denkmal 1938

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs war ein erster Rückschlag für die Musikgesellschaft. Die militärdienstpflichtigen Musikanten mussten den Aufgeboten Folge leisten, so dass an einen regelmässigen Probebetrieb nicht zu denken war. Bei musikalischen Einsätzen, wie etwa beim Empfang des Speicherer alt Landammanns Arthur Eugster nach dessen Wahl zum Nationalratspräsidenten, spielten die Musikanten halt mit dem vorhandenen Personal.
Ein gravierender Einschnitt ins aktive Vereinsleben bedeutete 1918 der Ausbruch der Spanischen Grippe. Um die Ansteckungsgefahr einzudämmen, verboten die Behörden alle Zusammenkünfte. Nach Beendigung des Krieges und der Epidemie nahm das Vereinsleben endlich wieder den gewohnten Lauf.

Neue Uniformen 1939

Die grosse Arbeitslosigkeit 1937 verschonte auch unsere Musikanten nicht. Sechs Mitglieder der Musikgesellschaft verloren ihre Stelle, was natürlich am Personalbestand zehrte. Die eingeschränkten Verdienstmöglichkeiten belasteten zudem die Vereinsfinanzen so sehr, dass die Proben in den Baderaum des Zentralschulhauses verlegt wurden.
Das Jubiläumsfest "50 Jahre Musikgesellschaft" musste wegen eines heftiges Gewitters vom geräumigen Platz in der Buchen in die enge Turnhalle beim Zentralschulhaus verlegt werden, wo leider viel weniger Gäste Platz fanden und die Vereinskasse daher kaum Gewinn zu verzeichnen hatte, welche der Verein gerne für Bekleidung ausgegeben hätte.Diverse Spenden und Vermächtnisse liessen den Uniformenfonds endlich bis auf 3695 Franken wachsen, was für neue Uniformen genügte. Jakob Koller, Schneidermeister und Mitglied der Musikgesellschaft, fertigte die Uniformen an, welche an der Musikunterhaltung vom 25. Februar 1939 präsentiert wurden.
Das Vereinsleben geriet während des 2. Weltkriegs abermals ins Stocken. Die Musikgesellschaft spürte die Mobilmachung und die daraus bedingten Absenzen. Die Proben mussten zeitweise ganz eingestellt werden. Trotzdem wählten die Musikanten 1941, mitten in den Kriegswirren, mit Josef Kürsteiner einen neuen Dirigenten. Das Platzkonzert am 8. Mai 1945 auf dem Sonnenhügel musste für die Musikgesellschaft wie eine Erlösung wirken, denn am gleichen Tag wurde der zweite Weltkrieg offiziell beendet.
1958 führte der Verein den Kinderfestzug von der Vögelinsegg zum Festplatz Buchen an. Es war das letzte Mal, dass das seit 1838 regelmässig begangene Fest durchgeführt wurde.

Die Ära Graf

Ernst Graf 1967
Volksfest 1967

1909 wählten die Musikanten Johannes Graf zu ihrem Dirigenten und setzen damit ein Signal für jene Qualität, die sich im Lauf der folgenden Jahrzehnte in immer stärkerem Masse zeigte. 1934 zwangen ihn gesundheitliche Gründe, die leitende Funktion abzugeben. Johannes Graf hatte immerhin Gewähr, dass sein Sohn Ernst die väterliche Arbeit im gleichen Sinne weiterführen würde. Diese Nachfolge währte aber nur kurz, denn Ernst Graf wanderte 1935, bedingt durch die Wirtschaftslage, nach Nordirland aus. Das Dirigentenamt bleibt indessen in der Familie, Ernst übergab den Stab seinem jüngeren Bruder Karl.
Im Frühjahr 1947 kehrte Ernst Graf aus Nordirland ins Appenzellerland zurück. Der Musikverein, welcher unter Kürsteiner als Harmoniemusik auftrat, sollte schnell in neue Bahnen gelenkt werden. Bereits beim Muttertags-Gottesdienst, knapp einen Monat nach Beginn von Ernst Grafs erneuter Dirigententätigkeit, war klar, dass nun eine neue Epoche beginnen würde. Das bestätigte sich dann an den Unterhaltungsanlässen im Herbst, die gleich dreimal angesetzt werden mussten.
Harmoniebesetzung – das bedeutet ein Nebeneinander von Blech- und von Holzblasinstrumenten. Dem Musikverein Harmonie fiel es zunehmend schwerer, Holzbläser zu rekrutieren. Im September 1956 stellten die noch verbliebenen Holzbläser den Antrag, den Verein auf reine Blechbesetzung umstellen. Am Unterhaltungsanlass im Januar 1957 trat der Verein letztmals in Harmoniebesetzung auf.
Der Musikverein war bislang eine reine Männerangelegenheit, bis sich 1966 eine erste Musikantin wagte, mitzuspielen. Dies zog weitere Geschlechtsgenossinnen nach, was dem Klangbild des Ensembles noch mehr Perfektion und Sicherheit verlieh.
Der Musikverein Harmonie Speicher hatte seit 1956 eine Art Etikettenschwindel betrieben. Der Zusatz „Harmonie“ war wegen der Umstellung auf Blechbesetzung überflüssig geworden, trotzdem wurde der Vereinsnamen belassen, bis er an der Hauptversammlung 1970 endlich korrigiert wurde. Fortan hiess es nur noch «Musikverein Speicher» oder MVS.
Nun ging es Schlag auf Schlag: Unzählige Konzerte wurden gespielt, aber auch Mitwirkungen wie am Volksfest in Speicher, am frühmorgendlichen Gastspiel in Konstanz bei der Radio-Direktsendung „Gruss vom Bodensee“, sowie bei der Einweihung des Buchenschulhauses.

Musikfeste

Vier Jahre waren seit der Gründung vergangen, als sich die Musikgesellschaft entschied, am Ostschweizerischen Musikfest in St. Gallen teilzunehmen. Am 12. Juli 1891 marschierte das Korps nach St. Gallen. Noch fehlte der Mut, sich am Wettspiel zu beteiligen. Sie marschierten trotzdem beim Umzug durch die Strassen St. Gallens mit. Wie die anderen Musikvereine wurden auch sie vom Publikum reichlich mit Blumen und Zigarrenpaketen beschenkt. Und so, wie sie ans Fest geschritten waren, marschieren die Mannen abends wieder nach Speicher zurück.

Nach der Transformation zur Brass-Band nahm der MVS zwischen 1948 und 2013 an 12 Eidgenössischen Musikfesten (EMF), 15 Kantonal - Musikfesten (KMF) und weiteren Musiktagen mit unterschiedlichem Erfolg teil.
Am EMF in Winterthur 1986, wie auch KMF Uzwil erreichte der MVS in der Marschmusik die höchste Punktzahl aller teilnehmenden Vereine. Generell war Speicher bei der Marschmusik immer Spitzenklasse und gern gesehen.
Hier ein Beispiel vom KMF in Chur 2013.

Höhepunkt der Vereinsgeschichte

Was anfangs in der 3. Stärkeklasse begann, gipfelte 1971 am EMF in Luzern mit dem Sieg in der Höchstklasse der Brass-Bands.
Im grossen Saal des Luzerner Kunsthauses führte Ernst Graf sein Korps durch das Selbstwahlstück „Third Rhapsody on Negro Spirituals“ von Eric Ball und durch das Aufgabenstück „Symphonie of Marches“ von Gilbert Vinter. Der Erfolg war überwältigend. Das Publikum spendete tosenden Applaus, und selbst die Kampfrichter hielt es nicht mehr auf ihren Stühlen.
Der mediale Widerhall auf den Auftritt war unglaublich. „Das Rätsel um den Musikverein Speicher“ hiess es in einem Zeitungsbericht:
„Der Musikverein Speicher unter Leitung seines langjährigen Dirigenten Ernst Graf hat am 12. Juni 1971 im Kunsthaus Luzern die Zuhörer zu Begeisterungsstürmen hingerissen, wie sie in diesem Saal sonst nur von Leuten wie Karajan bei Konzerten der internationalen Musikfestwochen hervorgerufen werden. Die hervorragenden Darbietungen des Musikvereins Speicher waren denn auch Gesprächsthema Nummer eins bei Zuhörern und Musikanten...Wer würde dem bescheidenen appenzellischen Speicher eine Musik der Höchstklasse zutrauen? Das sind Zeugen einer echten, gewachsenen Dorfgemeinschaft, wo es traditionsgemäss Ehrensache ist, bei der Musik zu sein, wo die Musikgesellschaft von der ganzen Gemeinde getragen wird.
Im folgenden Video ist das Siegerstück mit Fotos der Vereinsgeschichte zu hören und sehen:

Radio, Fernsehen und Schallplatten

Beim EMF in Zürich 1957 hatte der MVS nicht nur bei der Jury Aufmerksamkeit erregt, auch das Schweizer Radio war hellhörig geworden. Erste Aufnahmen erfolgten im Mai 1958 im Saal des Löwen. Im Februar 1963 wurde die Canada-Hall im Kinderdorf Pestalozzi für Aufnahmen genutzt. Die Plattenaufnahmen 1967 im Schützengartensaal in St. Gallen konnten jedoch nicht befriedigen, denn Nebengeräusche wie vorbeifahrende Autos oder Donnergrollen eines Gewitters, machten die ganze Vorbereitung zunichte. Zwei Jahre später spielte der Musikverein erneut eine Langspielplatte ein, diesmal im Casino Herisau.
Wie das Radio, war auch das Fernsehen am MVS interessiert. Am Landsgemeinde-Samstag 27.04.1974 waren unsere Musikant ‘innen erstmals live in der TV-Sendung: Für Stadt und Land mit Wysel Gyr zu hören. Noch im gleichen Jahr wurde die zweite Langspielplatte fertig.
Mit der Einweihung des Buchensaals 1978 stand dem MVS endlich wieder eine Bühne zur Verfügung. Die vorzügliche Akustik veranlasste die Verantwortlichen, eine dritte Langspielplatte im Buchensaal aufzunehmen. Am 23. Juni 1979 war dort ein Sommerkonzert angesetzt. Zwei Tage davor löste sich die untere Verschalung der Saaldecke und krachte auf die Stühle herunter. Was hätte das für Folgen gehabt, wenn der Saal zum Zeitpunkt des Deckeneinsturzes belegt gewesen wäre.

Ausschnitt des Auftritts in der Fernsehsendung "Für Stadt und Land", der "Ernst August Marsch":

Fahne, Uniformen, Instrumente

Eine Bettelbriefaktion hatte im 1949 genügend Geld für eine Vereinsfahne zusammengebracht. Ernst Graf als gelernter Stickereientwerfer entwarf die Fahne, welche am 16. Juli 1950 eingeweiht wurde.
1959 hatten die Speicherer Musikant ‘innen ihre Einheitskleidung 20 Jahre lang getragen. Es erstaunte daher nicht, dass diese abgetragen und fadenscheinig wirkte. 1959 wurde daher der kantonale Subventionsbeitrag an die Beschaffungskosten neuer Instrumente direkt in die Uniformenkasse umgeleitet, so dass sich der Verein 1960 im neuen Gewand präsentieren konnte.
Ende September 1995 erging ein Aufruf an die Bevölkerung zur Spende für einen Satz Kesselpauken, die rund Fr.17'000.- kosten würden. Eine unbekannte Person bezahlte diesen Kauf zur grossen Freude der Musikant ‘innen und entlastete damit die Vereinskasse.

Die Dirigenten des MVS

Galerie der musikalischen Leiter:

Herr Kastl
Herr Kastl wurde im November 1887 als fest angestellter Dirigent mit einem Quartalsgehalt von 120 Franken angestellt, weil sich der nach der Gründung engagierte Herr Ostertag aus St. Gallen als ungeeignet erwiesen hatte. Er leitete den Verein bis zur Wahl von Johannes Graf.

Johannes Graf
1909 wählte der Musikverein Johannes Graf zum neuen Dirigenten und setzte damit ein Zeichen für Zukunft und Qualität im Verein, denn mit Graf ging es trotz 1. Weltkrieg und «Spanischer Grippe» stetig aufwärts. 1934 musste Johannes Graf aus gesundheitlichen Gründen das Dirigentenamt abgeben.

Ernst Graf
Die Nachfolge des Dirigenten blieb in der Familie, als Ernst Graf aus Trübbach, wo er eine Stelle als Stickereientwerfer und Dirigent bei diversen Musikvereinen innehatte, nach Speicher zurückkehrte und sich auf die Leitungsfunktion im Heimatdorf konzentrierte. Den Dirigentenstab übergab Ernst 1935, bedingt durch die wegen der Weltwirtschaftskrise erfolgten Auswanderung nach Nordirland, seinem jüngeren Bruder Karl.

Im Frühjahr 1947 kehrte Ernst Graf aus Nordirland ins Appenzellerland zurück und übernahm wieder die Leitung des Vereins. Ernst Graf transformierte den Verein zur Brass-Band. 1980 trat er nach 33 Jahren zurück. Er brachte den MVS in ungeahnte Höhen. Am 4. Mai 1980 fand unter dem Motto „Ernst Graf, wir danken Dir“ im Buchensaal das Schlusskonzert statt. Ernst Grafs solide und feine Art wurde von verschiedenen Musikergremien, Komponisten, Dirigenten sowie vom Gemeindehauptmann gewürdigt. Völlig gekappt wurde die Verbindung Ernst Grafs zum MVS indessen nicht: Er bliebt Vize- und Gastdirigent.

Karl Graf
Die Musikgesellschaft Speicher nahm 1938 erstmals an einem Kant. Musikfest teil und musste sich dem Publikum und der Jury in Zivilkleidern präsentieren. Die Leistung wurde mit einem Lorbeerkranz geehrt. Auf Freude folgte sogleich ein emotionaler Tiefschlag, indem beim Empfang der Musikanten bei der Heimkehr aus Waldstatt lediglich ein mageres Schärlein Sänger anwesend war.

Josef Kürsteiner
Inmitten der Kriegswirren 1941 wählen die Musikanten den auch in Waldkirch tätigen Josef Kürsteiner zu ihrem neuen Dirigenten. Wegen des mageren Bestandes an Bläsern konnte jedoch kaum geprobt werden.

Karl Graf
Ernst Graf übergab, den Taktstock an seinen Sohn Karl. Auf Anfang Juli 1988 trat Karl Graf nach achtjähriger Dirigententätigkeit zurück und reichte den Stab an Thomas Plattner weiter, der aber nach einem Jahr weiterzog.

Martin Bänziger
Ab Januar 1990 übernahm Martin Bänziger aus Wolfhalden die Leitung. Er hatte bereits als Cornetist beim MVS gespielt.
1997 gab der MVS am 27.April unter der Leitung von Martin Bänziger an der Hundwiler Landsgemeinde den musikalischen Takt vor. Dass es die letzte Landsgemeinde sein würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand, denn Ende September entschied sich der Ausserrhoder Souverän für deren Abschaffung. Somit kam der Musikverein aus Speicher für sich in Anspruch nehmen, im Oktober 1857 als erste und 1997 als letzte Musikgesellschaft den Chorgesang der Landsgemeinde begleitet zu haben.

Hansruedi Züst
1999 wählte der Musikverein Hansruedi Züst zum Nachfolger von Martin Bänziger. Beim Kirchenkonzert konnte er gleich einen gelungenen Auftritt als musikalischer Leiter feiern. Die Abendunterhaltung 2000 im Buchensaal vom 1. April zeigte den Ideenreichtum des MVS. Während des Apéros bekleideten sich ehemalige Bläser mit Sakkos und Hüten der aktiven Musikant ‘innen. Danach setzten sie sich mit dem Rücken zum Publikum auf die Bühne und spielten den Marsch „San Carlo“. Die Zuhörerschaft war begeistert und staunte erst recht über das immer noch reichlich vorhandene Können Ehemaliger, als sich diese nach dem letzten Ton umdrehten.
An der Hauptversammlung 2009 wählten die Mitglieder Andi Carniello-Hediger per Anfang 2010 zum Nachfolger von Hansruedi Züst. Züst hatte 2009 noch ein reich befrachtetes Jahr vor sich. Am 5. Dezember fand das Abschlusskonzert von Hansruedi Züst im Buchensaal statt.

Andi Carniello-Hediger
Anfang Dezember 2010 dirigierte Andi Carniello erstmals ein Konzert mit klassischer Musik in der bis zum letzten Platz gefüllten Kirche. Der «Neue» überzeugte und begeisterte das Publikum.
Auf den Sommer 2016 trat Andi Carniello-Hediger als Dirigent zurück. Seine Dynamik, die Liebe für die musikalische Gestaltung und Präsentation hatte Spuren hinterlassen und den MVS geprägt.

Thomas Schildknecht
Ab Sommer 2016 übernahm Thomas Schildknecht, eine Kapazität der Brass-Band Szene, das Kommando. Im November gleichen Jahres fand der begeisternde Unterhaltungsanlass «Bienvenido Espana» statt. Per Ende 2018 verliess Thomas Schildknecht aus familiären Gründen das Dirigentenpult jedoch wieder.

Stefan Herzig
Zwischen Januar 2019 und Juli 2020 übernahm Stefan Herzig die Leitung des MVS. Bereits an der HV 2019 wurden Besetzungsprobleme des MVS diskutiert, welche sich im Verlauf des Jahres noch verschärften.

Andreas Bänziger
Inmitten der Corona-Pandemie und ihren Lockdowns sah der MVS nach dem Rücktritt von Herzig davon ab, einen neuen Dirigenten zu engagieren. Daher übernahm Andreas Bänziger, der bereits 23 Jahre als Vizedirigent geamtet hatte, die muikalische Leitung.

Nachwuchs-Pflege

Dass ein Verein nur bestehen kann, wenn ihm genügend „frisches Blut“ zugeführt wird, erkannte man auch im MVS. Deshalb wurde auf die Pflege des Nachwuchses sehr viel Sorgfalt gelegt. Am 24. Oktober 2002 fand im Pfarreizentrum Bendlehn ein Kirchenkonzert mit der von Andreas Bänziger geleiteten Jungmusik und dem Jugendchor unter Ursula Langenauer statt. Die Begeisterung in der bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche übertrug sich auf das Publikum.
Die positive Entwicklung der Jungmusik gipfelt im September 2003 mit dem Erringen des 1. Ranges beim Jungmusik-Show-Wettbewerb in Kriessern. Ein Zeitungsbericht hielt das grossartige Ereignis fest:
„Der Jubel war überwältigend. Der riesige Applaus trug die jungen Musikant’ innen förmlich auf die Bühne, wo sie das Preisgeld und die Urkunde in Empfang nehmen durften. Bei manch einem konnte auch ein paar Freudentränen beobachtet werden. Für die Band aus dem Appenzellerland unter der Leitung von Andreas Bänziger ist somit ein Traum wahr geworden»

Intensive Jahre

Im Juli 1993 war der Verein für ein Galakonzert in Filisur engagiert, wo deren Blaskünste Begeisterungsstürme auslösten.
Grossen Aufwand trieb der MVS für seine Unterhaltung vom März 1996. Im Buchensaal segelte die „Santa Maria“ nach dem vermeintlichen Indien, das sich bekanntlich als Amerika entpuppen sollte. Der als Kolumbus ausstaffierte Dirigent Martin Bänziger gab mit seinem Korps die Devise „Go West!“ aus und liess Melodien spielen, die mit den Kontinenten hinter dem Atlantischen Ozean in Verbindung gebracht werde und grosse Begeisterung auslösten.

Im Juni 2002 reiste der Verein zusammen mit einer Jodelgruppe nach Kolin in Tschechien, um am „Kmochuv-Festival“, zusammen mit hochkarätigen Ensembles aus aller Welt, aufzutreten. Tausende Zuschauer säumten die altehrwürdigen Strassen, durch die der Festumzug führte. Angeführt von der in ihren prachtvollen Appenzeller Trachten gekleidete Jodlergruppe mit zwei Schelleschöttern konnte der MVS das Publikum begeistern. Die für tschechische Ohren ungewohnten Zäuerli und Brass-Band-Klänge faszinierten die Zuschauer sehr.

Als eines der intensivsten Jahre ging wohl 2003 in der Vereinsgeschichte ein. Im Januar wurde mit Melanie Baumgartner erstmals eine Frau zur Präsidentin gewählt. Grosse Beanspruchung an die Qualität der Musikanten hatten drei Aufführungen, in deren Mittelpunkt das von Fréderic Fischer komponierte „Te Deum“ stand. Anstoss dazu war das Gedenken „600 Jahre Schlacht bei Vögelinsegg“ sowie das Jubiläum 100 Jahre Trogenerbahn. Aufführungsorte waren die St. Laurenzenkirche in St. Gallen, die evangelische Kirche Herisau und das TB-Depot in Speicher. Die Konzerte mit grossem ad-hoc-Chor und Solostimmen waren in Herisau und Speicher sehr gut besucht. Anderntags fand ein Unterhaltungsanlass im TB-Depot statt, bei dem der MVS für den wesentlichen Teil verantwortlich war. Es folgten Auftritte bei der Jubiläums-Generalversammlung der Trogenerbahn, beim Empfang des Kantonsratspräsidenten Peter Langenauer sowie beim Vögelinseggschiessen mit Ehrengast Bundesrat Samuel Schmid.

Am 1. Schweizer Blasmusikfestival in Brunnen und Schwyz vom 11./12. September 2004 stand die Show im Mittelpunkt. Der kleine Verein aus dem Appenzellerland wusste zu brillieren. Nach dem rundum geglückten Wettbewerb kam dem MVS die Ehre zu, beim Festakt im Festzelt in Brunnen mitzuwirken. Nebst Aufnahmen für das Radio DRS konnten die Musikant’ innen nochmals einige Ausschnitte aus ihrer Show präsentieren. Bei der Rangverkündigung wurde es klar: Mit 108 Punkten erreichte der Musikverein Speicher nicht nur den Sieg in der Kategorie Mittelstufe Brass Band mit Show, sondern erzielte damit – zusammen mit der Feldmusik Baar – auch die höchste Punktzahl in der Showwertung über sämtliche Kategorien.

Dass ein Dorffest ohne das Mitwirken von Musikverein und Jungmusik undenkbar ist, zeigte sich im September 2009 beim grossen Jubiläum 700 Jahre Speicher. Die Helferdienste des MVS waren auch beim alljährlich stattfindenden Seifenkistenrennen sehr gefragt.

Die dreimalige Aufführung des Musicals „Felicitas“ war für die Jungmusik im März 2011 ein grosser Erfolg. Der im November durchgeführte Unterhaltungsabend mit Moto „Baustelle“ gelang ausgezeichnet.

Kantonales Musikfest in Speicher

2005 organisierte der MVS das 10. Kantonal-Musikfest. An drei Tagen war Speicher das Ziel von 1200 Musikantinnen und Musikanten aus 32 Vereinen. Die Wettspiele fanden im Buchensaal und in der Turnhalle des Zentralschulhaues statt. Verein um Verein marschierte auf der gesperrten und mit viel Publikum gesäumten Buchenstrasse. Ein Gesamtchor auf dem Sportplatz Buchen mit anschliessendem Rangverlesen setzte den Schlusspunkt hinter das gelungene Fest.

Ein halbes Jahrhundert Brass Band

2007: 120 Jahre MVS, 50 Jahre Brass-Band.
Am 24. März organisierte der Musikverein im Buchensaal den 1. Jugendmusik-Show-Wettbewerb, an dem sich rund 300 Jungmusikantinnen und -musikanten aus acht Vereinen beteiligten und wo die Jugendmusik Kriessern als Sieger hervorging. Im September moderierte TV-Mann Marco Fritsche das Jubiläumsfest, an dem auch neue Instrumente eingeblasen wurden, die der MVS mit zahlreichen Veranstaltungen selbst erwirtschaftet hatte.

Was seit dem 100-Jahr-Jubiläum im Musikverein Speicher alles geschehen ist, darüber geben lückenlos vorhandene Jahresberichte Aufschluss. Sie zu lesen ist das reine Vergnügen. Die Besetzung des Aktuars-Postens ist bei den meisten Vereinen nicht gerade einfach. Ein Aktuar sollte über eine gute Feder verfügen. Beim Musikverein Speicher war dies mit Rolf Zürchers der Fall. Seine «Zürcher-Zeitung», eine Zusammenfassung des Jahreslaufes im MVS, ist angereichert mit Pointen und mit Anekdoten, so dass es Freude bereitet, sie zu lesen.

Rolf Zürcher starb völlig unerwartet am 6. Dezember 2006, erst 60-jährig. Was er in den 25 Jahren seiner Tätigkeit festgehalten hatte, bildet die nun Basis für die Geschichte und Rückblicke des MVS.

2012 - 125 Jahre Musikverein

Neue Uniform 2012

2012 durfte der MVS sein 125 Jahr-Jubiläum feiern und spielte am 3. Juni in der evangelischen Kirche ein Jubiläumskonzert, bei dem vieles von dem erklang, was dem Musikverein in all den Jahren Profil verlieh.
Am 15. September wurde im Buchensaal bei einem weiteren Konzert die seit 1960 getragene Uniform verabschiedet. Anfang Dezember zelebrierte der MVS zusammen mit dem Engelchörli aus Appenzell in der evangelischen Kirche Sternstunden aus Oper und Operette, notabene in neuer Uniform, entworfen von der Speicherer Modedesignerin Käthy Lenggenhager.

Corona und seine Folgen

Nachdem Dirigent Stefan Herzig während der ersten Corona Welle im Juni 2020 zurückgetreten war, übernahm nun der langjährige Vizedirigent, Andres Bänziger, das Dirigat. Doch bereits im Herbst wurden mit der zweiten Welle wieder sämtliche Zusammenkünfte verboten. Es fanden keine Konzerte mehr statt und auch das traditionelle Weihnachtsblasen musste abgesagt werden. Die lange Zeit ohne Proben brachten einen nie erwarteten Mitgliederschwund im MVS.
Kaum hatten der Probebetrieb wieder begonnen, wurde der Buchensaal, als Heimstätte der Musikant ‘innen, wegen der Hallenbadsanierung geschlossen. Das MVS-Archiv musste in den Keller verlegt werden, was den Zugriff auf Noten und sonstige Materialien unnötig erschwerte.
An der auf Juli 2021 angesetzten HV wurde über einen Zusammenschluss mit anderen Musikvereinen diskutiert. Die allgemein bekannten Probleme, sich in einem Verein zu engagieren, waren auch im MVS spürbar.
Die Nach-Corona Zeit zeigt nun, dass aus dem Musikverein Speicher mit über 30 Musikant’ innen noch eine kleine engagierte Gruppe von 15 Musikant’ innen übriggeblieben ist.
Weihnachtsblasen 2023 am Kirchrain:

Hauptquelle für diesen Beitrag ist die Festschrift zum 125 Jahr-Jubiläum des MVS von Martin Hüsler sowie das Archiv des MVS:


Text: Paul Hollenstein
Fotos: Archiv MVS, Klaus Rodowski, Paul Hollenstein
Videos:Youtube; Fernsehen SRF; Paul Hollenstein
Musik: LP Musikverein Speicher 1974 („Third Rhapsody on Negro Spirituals“)
Video-Schnitt: Paul Hollenstein