Flucht und Zuflucht

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Heimat verloren - Heimat gefunden[Bearbeiten]

Klaus Rodowski.JPG

Klaus Rodowski (* 28. Juli 1941) hat als kleiner Bub aus Ostpreussen Weltgeschichte „hautnah“ erlebt. Er erlebte die letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre vor allem an provisorischen Aufenthaltsstationen, bis er schliesslich in Speicher die neue Heimat fand. Seine persönlichen Erinnerungen fügen sich durch spätere Erzählungen seiner Mutter und seiner Schwester, zusammen mit eigenen Nachforschungen zu einer beeindruckenden Lebensgeschichte, einer Lebensgeschichte, in deren Mittelpunkt aber nicht er, sondern seine Mutter steht. Im Folgenden erzählt Klaus Rodowski in sechs Sequenzen Stationen aus dieser Geschichte und seiner bewegten Kindheit. Ergänzende Texte vermitteln zusätzliche Informationen dazu und auch zu geschichtlichen Hintergründen.


Ostpreussen - meine ursprüngliche Heimat (2 m 10 s)[Bearbeiten]

Historischer Hintergrund: Melker und Käser[Bearbeiten]

Schweizer.jpg

Ab 1712 kam es auf Grund von Missernten und Hungersnöten zu einer grossen Auswanderung von Schweizer Bauern nach Ostpreussen. Die Bedeutung der dortigen Landwirtschaft zog vor allem Käser und Melker, sogenannte „Schweizer“, zu Tausenden an. Vor dem 2. Weltkrieg lebten und arbeiteten rund 3000 Schweizerbürger in Ostpreussen.

Die Auswanderer kamen aus allen Gegenden der Schweiz und hatten einen ausgezeichneten Ruf für ihre Tüchtigkeit. Versuche mit der Herstellung von «Emmentaler» scheiterten, aber mit dem «Tilsiter», hergestellt von innovativen Schweizer Käsern aus der Gegend von Tilsit, fanden sie den Erfolg.




Familiengeschichtliches[Bearbeiten]

Mein Grossvater Johann von Känel[Bearbeiten]

Grosseltern von Känel
Grossvater suchte Melker
1868 geboren, war Johann von Känel als Bauernsohn zusammen mit sechs Geschwistern in Reichenbach im Kandertal aufgewachsen. Ein Inserat in einer Berner Oberländer-Zeitung veranlasste ihn, im Jahre 1892 nach Ostpreussen auszuwandern. Die 1600 km lange Reise von Reichenbach nach Ostpreussen dauerte damals vier Wochen, es gab noch keine Eisenbahnlinie, die dort bis ins Landesinnere führte.

Zuerst war er als Melker angestellt, stieg aber bald zum „Oberschweizer“ auf. Zu seinen Aufgaben gehörten die Aufzucht von Herdenbuch-Kühen, die Organisation der Heuernte sowie das Wohlergehen einer Herde von rund 300 Tieren, zudem war er für die reibungslose Zusammenarbeit von zwanzig Melkern verantwortlich.

1897 heiratete er Friederike Romey, mit der er 10 Kinder grossziehen durfte. Die jüngste Tochter, meine Mutter Gertrude von Känel, wurde 1911 in Sausgörken geboren.








Meine Mutter Gertrude von Känel[Bearbeiten]

Gertrude Rodowski als Melkerin

Die Kinderjahre von Gertrude verliefen sehr harmonisch, die Schulen waren gut und das Leben auf dem Lande gab ihr ein gefestigtes Lebensgefühl. Der ruhige Rhythmus der Tagesabläufe, gegeben durch die Pflege der Tiere, welche auch die Tiere für die Eigenversorgung umfasste wie Schweine, Hühner und Kaninchen, die Arbeiten im Feld und Garten gaben Gertrude eine grosse Unerschütterlichkeit im Leben. Nach der Schulzeit arbeitete sie als Melkerin und Hilfe im Haushalt der grossen Familie. Sie besuchte Nähkurse in Rastenburg und nähte auch bald die Hochzeitskleider für ihre Schwestern.



Mein Vater Friedrich Wilhelm Rodowski[Bearbeiten]

Noch glückliche Zeiten
1937 heiratete Gertrude von Känel den Huf- und Wagenschmied Friedrich Wilhelm Rodowski. Ihr ehemaliger Mitschüler hatte in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, die Meisterprüfung abgelegt und war für die Schmiedearbeiten in einem mittelgrossen Gut zuständig. Das Ehepaar bekam 2 Kinder, 1938 meine Schwester Gisela und 1941 mich, Klaus Rodowski.

Wir wohnten im masurischen 430-Seelendorf Banaskeim, 6 km nordwestlich der Stadt Rastenburg. Die Sprache der ostpreussischen Masuren war im Aufbau ein polnischer Dialekt, der aber mit den Jahren mit plattdeutschen und litauischen Wörtern vermischt wurde und für Polen fast nicht mehr verständlich war.

Der Name Rodowski ist von der Abstammung her ein typischer Name aus der Gegend der Masowier und bedeutet Baumstamm. Klaus Rodowski heisst also auf Deutsch „ Klaus Stamm.“

Der Zweite Weltkrieg[Bearbeiten]

Alles bereit für glückliche Kinderjahre[Bearbeiten]

Erinnerungen an die Kindheit (1 m)[Bearbeiten]

Anfänglich musste mein Vater nicht einrücken, denn er wurde im Dorf als Handwerker für die Versorgung der landwirtschaftlichen Geräte benötigt. Im März 1944 jedoch wurden alle verfügbaren Männer eingezogen. Nach einer verkürzten Rekrutenschule wurde er am 4. Juli 1944 an die russische Front verlegt, wo er drei Tage später durch einen Bombenangriff an einem unbekannten Ort ums Leben kam. Obwohl Ende 1944 auch in Ostpreussen die Lage für die Zivilbevölkerung immer schwieriger wurde, war es ihr verboten, in den Westen zu fliehen. Als die Lage für die Deutschen aussichtslos wurde, hinderte dies jedoch den Regierungschef und Gauleiter von Ostpreussen, Erich Koch, nicht daran, sich abzusetzen. Der Januar 1945 war ausserordentlich kalt, die Front kam näher und die deutsche Bevölkerung war gezwungen zu fliehen, auch ohne Bewilligung. Die Bedrohung war besonders in der Wohngegend der Rodowskis spürbar wegen des in der Nähe gelegenen Hitler-Hauptquartiers „Wolfsschanze“, Ort des misslungenen Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944.

Die Flucht[Bearbeiten]

Flucht aus der Heimat (1 m 22 s))[Bearbeiten]

Die Familien Rodowski aus Sdunkeim und Banaskeim organisierten einen Treck mit Pferd und Wagen zur Flucht Richtung Westen. Die vereisten Strassen waren durch militärische Verschiebungen und durch Flüchtlinge aus östlicheren Gegenden bereits hoffnungslos verstopft. Dazu kamen Kälte, mangelnde Lebensmittelversorgung und die täglichen Angriffe der russischen Luftwaffe und Artillerie.

Auch wir waren so unterwegs

Die Reise wurde zur Tortur, denn man musste auf Nebenstrassen grosse Umwege machen. In von Kleidern und Bettzeug überquellenden Pferdewagen drängten sich zahlreiche Menschen. Andere waren zu Fuss unterwegs und schoben Handwagen oder Fahrräder. Sogar Pferde kamen auf den eisglatten Strassen kaum vorwärts, fielen um oder stellten sich quer. Wagen krachten in die Strassengräben.

Nach den Strapazen tagsüber versuchte der Grossvater jeweils abends eine einigermassen sichere Unterkunft in Gebäuden zu finden. Einmal hatten sie in einem Keller Unterschlupf gefunden. Die Pferde mit den Wagen blieben im Freien. Als der Grossvater in der Abenddämmerung einen Kontrollgang zu den Pferden und Wagen machte, wurde er von einer Granate getroffen. Schwerverletzt brachte man ihn in ein Lazarett, wo man ihn medizinisch versorgen konnte, doch nach zwei Tagen starb er an den schweren Verletzungen. Beim Angriff wurden auch die Pferde getötet, und die Wagen mit all den Habseligkeiten waren in Flammen aufgegangen.

Abbruch der Flucht (45 s)[Bearbeiten]

Vorübergehende Rückkehr[Bearbeiten]

Den zurück gebliebenen Frauen und Kindern blieb nichts anderes übrig, als zu Fuss in ihr Dorf zurück zu kehren. Da ihre Habseligkeiten auf den Fuhrwerken den Flammen zum Opfer gefallen waren, blieb ihnen nur noch das, was sie auf dem Leib trugen. Meine Beine seien zu kurz gewesen, als dass ich mich durch den Schnee hätte kämpfen können, deshalb wurde ich von meiner Mutter meist getragen. Nach einigen Tagesmärschen bei eisigen Temperaturen schafften sie endlich die Rückkehr. Gertrude zog sich Erfrierungen an den Beinen zu, welche ihr für das ganze weitere Leben Beschwerden verursachten. Bei mir habe man eine Lymphknotenentzündung in der Leistengegend und am Fuss fest gestellt. Mutter musste sich abermals durch Schnee und Eis auf den Weg machen, um mich auf einem Schlitten zum Arzt zu bringen. Leben in Angst und Ungewissheit In Sdunkeim, dem Wohnsitz der Schwiegereltern meiner Mutter, das nun unter russischer Aufsicht stand, verbrachten die Frauen und Kinder Rodowski fast das ganze Jahr 1945. Dieses Leben barg viele Risiken, denn sie waren der Willkür der russischen Besatzer ausgeliefert. So wurden plötzlich alle Frauen aus den Dörfern mit Lastwagen eingesammelt und gefangen genommen. Wir Kinder waren in der Zwischenzeit auf uns selbst angewiesen. Meine damals siebenjährige Schwester Gisela wusste von einer Frau, die in einem abgelegenen Haus wohnte und eine Kuh hielt. Dort fanden wir Zuflucht und konnten dank der Milch überleben.

Nach einem nicht ersichtlichen Verfahren wurde ein Teil der gefangen genommenen Frauen nach Sibirien abtransportiert, die anderen konnten, wie auch meine Mutter, wieder in ihr Dorf zurück kehren. Meistens konnten die Soldaten mit einem guten Essen zufrieden gestellt werden. Eines Tages aber trat eine brenzlige Situation ein. Wie immer, wenn russische Soldaten auftauchten, mussten Gisela und ich im Schlafzimmer unter das Bett kriechen. Eines Tages aber rief uns Mutter zu, dass wir aus dem Versteck kommen sollten. Sie sass auf dem Bettrand und nahm je ein Kind an ihre Seite, derweil ein Soldat eine Pistole auf sie gerichtet hatte. Zum grossen Glück kam ein Offizier dazu, der den Soldaten aus dem Zimmer wies.

Mutter erklärte uns viele Jahre später, was der Soldat eigentlich von ihr wollte. Durch ihre Haltung gab sie dem Soldaten zu verstehen, dass sie lieber mit den Kindern sterben wollte als nachzugeben.

Nicht so gut erging es Gertrudes Freundin Emma, die von den Russen nach Sibirien verschleppt wurde und sieben Jahre lang wie ein Mann unter schlimmsten Bedingungen arbeiten musste. Erst 1992 gab es ein Wiedersehen zwischen Gertrude und Emma.

Auch die Familie von Känel, also meine andern Grosseltern mit Sohn Hans und Frau und Kindern, flüchtete in Richtung Westen. Ihre Flucht verlief ähnlich dramatisch. Grossvater erlag im Alter von 77 Jahren einem Schwächeanfall und die anderthalb Jahre alte Doris, Tochter von Hans, starb geschwächt durch Hunger und Kälte.


Zwangstransport nach Westen[Bearbeiten]

Abtransport in Güterwagen
Ein Zug wie der unsere

Im Herbst 1945 stellten die polnischen Behörden Güterzüge zusammen, mit denen die deutsche Bevölkerung in den Westen transportiert werden sollten. Die Bahnnetze waren durch die Russen besetzt, welche deutsche Maschinen, ja, ganze Fabriken als Kriegsbeute abtransportierten. Weil Kohle für die Lokomotiven fehlte, blieben Flüchtlinge bis zwei Wochen lang in Viehwagen auf engstem Raum eingepfercht.

Auch Mutter, Gisela und ich gehörten dazu. Für Verpflegung war nicht gesorgt. Bei jedem Halt versuchten Plünderer, den Flüchtlingen jede kleinste Habseligkeit, Brot oder Wolldecken zu stehlen. In dieser traurigen Armseligkeit vergass man jeden Respekt vor dem anderen.









Vertreibung aus der Heimat (1 m 33 s)[Bearbeiten]


In Eisenstadt, wo ich wegen des konstanten Durchzugs in den Viehwagen an einer schweren Mittelohrenentzündung erkrankte, war Endstation. Es folgte ein dreiwöchiger Aufenthalt in der Quarantäne, die aber vor allem der Entlausung diente.

Die traurige Bilanz: 625‘000 Menschen starben auf ihrer Flucht aus Ostpreussen.


Auffanglager Berlin[Bearbeiten]

Die Flucht nahm für Gertrude und uns Kinder am 24. Dezember 1945 in Brandenburg ein Ende.

In Berlin in Sicherheit
Berlin Tempelhof
Sobald als möglich versuchten Mutter und ihre zwanzig Jahre alte Schwägerin, mit Hilfe des Roten Kreuzes nach Familienangehörigen zu suchen. Bei der Schweizer Botschaft in Berlin erfuhren die Frauen nach und nach, wo alle ihre Verwandten gelandet waren. Hier wurde Mutter auch mitgeteilt, dass ihre Schwester Auguste auf dem Fluchtweg nach Danzig auf dem Frischen Haff durch einen Granatsplitter ein Auge verloren und am Arm schwer verletzt worden war und dass ihre damals neunjährige Tochter umgekommen war. Auch die Schwester Frieda musste den Tod ihrer zehnjährigen Tochter und des drei Monate alten Sohnes Hartmut hinnehmen.

Damals bestand die Möglichkeit für ehemalige Schweizer und Schweizerinnen, sich zurückbürgern zu lassen. Diese Chance wollte auch Gertrude Rodowski nicht ungenutzt lassen. Da alle Ausweise bei der Flucht verloren gegangen waren, dauerten die Formalitäten sehr lange, vor allem auch wegen Rückfragen bei der Gemeindekanzlei Reichenbach, der Heimatgemeinde ihres Vaters Johann von Känel.

Glücklicherweise wurde ihr 1946 eine Stelle als Köchin im Schweizer Auffanglager in Berlin in der Nähe des ehemaligen Flugplatzes Tempelhof angeboten, die sie bis zur Abreise aus Berlin behalten konnte.


Die Familie Rodowski blieb bis 1949 in Berlin, wo meine Schwester und ich auch die Primarschule besuchten. In jenem Jahr verboten die Russen den Westmächten, jegliche Güter durch die von ihnen besetzte Ostzone zu transportieren. Dank ihren Transportflugzeugen, den sogenannten „Kartoffelbombern“, konnten die Westmächte Westberlin weiterhin versorgen.

"Kartoffelbomber" der Luftbrücke

Zuflucht in der Schweiz[Bearbeiten]

Das Schweizer Auffanglager wurde Ende 1949 aufgelöst. Wir flogen mit einem dieser Kartoffelbomber nach Lübeck. Von dort ging es mit der Bahn nach Basel, obwohl immer noch keine gültigen Papiere vorhanden waren. Endlich in der Schweiz angekommen, wurden wir nochmals unter Quarantäne gestellt.

Nach kurzen Aufenthalten in verschiedenen Orten wurden wir 1950 in Speicher ansässig.






Neue Heimat Speicher (1 m 4 s)[Bearbeiten]

1951 waren endlich die Formalitäten für die neuen Papiere erledigt und in Speicher eingetroffen. Um sich die Arbeit etwas zu erleichtern, wechselte Mutter von ihrer ersten Arbeitsstelle in der Firma Schefer zur Firma Lanker, die letzten Arbeitsjahre war sie in der Spedition der Strumpffabrik Trèfle angestellt. Das Kommissionieren der Strümpfe aus dem Lager war verantwortungsvoll, verlangte Sachkenntnis und ein gutes Nummerngedächtnis. Stets gab sie ihr Bestes, bei der Arbeit, bei der Erziehung ihrer Kinder und bei der Pflege der verwandtschaftlichen Beziehungen. Gertrude Rodowski starb 1996 im Altersheim Schönenbühl.

Meinem Grossvater Johann von Känel war es nicht vergönnt, in die Schweiz zurück zu kehren. Immerhin gelang es einer Tochter und dreien seiner Söhne, mit ihren Familien in die Schweiz zu gelangen und dort in Geborgenheit zu leben. Drei Schwestern und ein Bruder blieben in Westdeutschland, ein Bruder und eine Cousine in Ostdeutschland, was zeigt, wie die Familie durch die Flucht und Vertreibung aus Ostpreussen in alle Winde zerstreut wurde.

Text: Klaus Rodowski

Textredaktion: Peter Abegglen/Paul Hollenstein

Video: Peter Abegglen