Doppelmord 1916

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Am 5. März 1916, einem Sonntag, geschah zwischen Birt und Vögelinsegg, im Haus gegenüber dem heutigen Schützenhaus ein Verbrechen, das weit über das Appenzellerland hinaus hohe Wellen warf: Das Ehepaar Bruderer wurde vom Sohn des Landwirts und Gastwirts vom Birt umgebracht. Obwohl die Tat an sich in den damaligen Presseorganen als Kriminalfall grossen Raum einnahm, sind die Hintergründe ebenso bemerkenswert. Wie sich erst später herausstellte, lagen der Tat Vorstellungen von schwarzer Magie, bösem Zauber und Hexerei zugrunde. Die Recherchen beziehen sich auf zeitgenössische Berichterstattungen in Zeitungen, auf das Obergerichtsurteil (40 Seiten handgeschrieben!), einen Aufsatz des Psychiaters Hermann Rorschach und auch auf Berichte von älteren Einwohnern von Speicher, die sich auf Erinnerungen zumeist aus Erzählungen ihrer Grosseltern und Eltern stützen.

Die Tat und die Schauplätze der Tat[Bearbeiten]

Peter Abegglen fasst die Ereignisse um die Tat zusammen. Edy Tanner erinnert sich an Erzählungen seiner Mutter, die ein mulmiges Gefühl hatte, als der Täter seinen Bruder, der in der Liegenschaft von Tanners wohnte in den Vierzigerjahren besuchen wollte. Für Ernst Schedler vom unteren Birt war der Täter einfach der Hans. Er wohnte nach der Haftentlassung bis kurz vor 1960 bei Schedlers und arbeitete in der Zimmerei Schlegel.

Berichte zur Tat[Bearbeiten]

Appenzeller Zeitung vom 6. März 1916[Bearbeiten]

Appenzeller Zeitung vom 8. März 1916[Bearbeiten]

Das Signalement zusammen mit weiteren Angaben zeigt die gründliche Ermittlungsarbeit.

Zeitungsberichte ab 9. März 1916[Bearbeiten]

Gerichtsverhandlungen, Landeschronik[Bearbeiten]


"Ein Mord aus Aberglauben" Aufsatz von Hermann Rorschach, 1920[Bearbeiten]

Die folgenden Begebenheiten haben sich in den letzten zehn Jahren im Kanton Appenzell A.-Rh. abgespielt. Wenn auch seinerzeit das Drama in öffentlicher Gerichtsverhandlung seine Erledigung gefunden hat, so möchte ich doch aus verschiedenen Gründen davon absehen, hier genaue Zeit-, Orts- und Namensangaben zu machen. Doch verdient der Fall wegen seiner abergläubischen Grundlagen hier eine Behandlung. Zwei Familien - nennen wir sie T. und F. - wohnten auf eigenen Liegenschaften, wenige Minuten voneinander entfernt, abseits von einem größeren Dorfe. Die T. hatten schon seit langen Jahren hier gewohnt, eine allgemein geachtete, kinderreiche Familie. Die F. dagegen, ein einsames altes Ehepaar, waren erst vor einigen Jahren hergezogen. Es waren ver- bitterte, griesgrämige Leute, mit denen niemand gern verkehrte. Man erzählte sogar, die Bewohner ihres früheren Wohnorts hätten ihren Weg- zug mit Musik und Freudenschüssen gefeiert und an den Bäumen Zettel befestigt mit der Inschrift: Nun danket alle Gott! Die F. sind fort! Es gab auch am neuen Ort zwischen den Nachbarn bald allerlei Reibereien, die besonders durch den alten F. provoziert wurden. Nun hatten die T. in den letzten Jahren oft Unglück im Stalle. Nach und nach erwachte bei einigen Mitgliedern der Familie der Verdacht, es seien da böse Einflüsse im Spiel, das Vieh werde von bösen Leuten verderbt. Rasch lenkte sich der Verdacht auf die alten F. Man erfuhr, daß diese schon an ihrem früheren Wohnort als übler Künste fähige Leute gegolten hatten. Ein Knechtlein, das einige Zeit bei den F. in Dienst gestanden hatte, erzählte zudem, Frau F. sei einmal lange mit einem Buch in der Hand bei einem kranken Kälbchen gestanden und habe mit dem Tier geredet. Schließlich habe sich Frau F. auch immer in auffallend interes- sierter Weise nach dem Ergehen des T.schen Viehes erkundigt. So wurde der Verdacht, die F. verstünden sich auf schwarze Künste, immer mehr gekräftigt. Wenn auch der Vater T. nichts davon wissen wollte und seinen Angehörigen derlei Aberglauben immer strenge verwies, so konnte er es doch nicht verhindern, daß der Verdacht bei zweien seiner erwachsenen Kinder, einem Sohn und einer Tochter, sich zu einer vollen Überzeu- gung gestaltete. Der junge T. fing an, den F. nachzuspüren, und er ent- deckte bald allerlei Sonderbares. Ein jüngerer Sohn der Familie T. starb unter etwas rätselhaften, nicht ganz aufgeklärten Umständen. Bei der Beerdigung mußte der Leichen- wagen an dem F.schen Hause vorbeifahren. Da blieb ein Blumenkranz im Geäst eines Baumes des Gartens der F. hängen. Für den jungen T. war das Beweis genug, daß der Gestorbene ein Opfer der bösen Machenschaften der F. sei. - Um die gleiche Zeit war auch das Vieh in recht üblem Zustand. Einmal sah er in später Nachtstunde, wie im F.schen Hause in einem oberen Zimmer jemand mit einem großen Tuche "manövrierte", das Tuch im Zimmer hin und her schwang; bei seinem Näherkommen bellte der Hund, worauf das Licht sogleich gelöscht wurde. Ein andermal sah er, als er nachts ca. 1 Uhr den F. nachspürte, die beiden Nachbarn das Haus verlassen. Er glaubte, sie wollten sich auf Umwegen dem T.schen Stalle nähern, sah aber, wie Frau F. einen Hag überkletterte und mit dem Hunde davonging. Nach einer Weile kam sie wieder zurück, worauf die beiden nach Hause gingen. Als der Vater T. eines Tages dem alten F. Vorstellungen machte, weil er in seiner Griesgrämigkeit schlittelnden Kindern den Weg verrammelt hatte, gaben tags darauf die Kühe der T. rote Milch. Dann wieder konnte der junge T. selbst im Stalle eine Weile lang plötzlich nicht mehr vom Flecke gehen. Eine frühere Geliebte warnte er, wenn Frau F. je von ihr ein Körbchen entlehnen wolle, es ihr ja nicht zu geben, denn das wäre sein Tod. Auf sein Drängen hin wurden einst den kranken Kühen Medikamente von einem in der Gegend allbekannten Quacksalber gegeben. Sogleich traf den alten F. ein Schlaganfall. Schließlich kam der verhängnisvolle Tag. Eines Abends kehrte der junge T. von einem Besuche bei seiner verheirateten Schwester zurück. Die Schwester hatte ein Knäblein bekommen, aber die Geburt war ungewöhn- lich schwer gewesen, was T. wieder auf üble Einflüsse von seiten der F. zu- rückführte. Ungefähr um 5 Uhr kam er am F.schen Hause vorbei. Frau F. stand eben vor der Tür und fragte ihn nach dem Ergehen der Schwester. T. antwortete gereizt: ((Was braucht Ihr noch zu fragen! Wenn Ihr einem von unserer Familie nachfragt, so wißt Ihr schon gut genug, wie es ihm geht!>) Er ballte dazu die Fäuste und trat einen Schritt auf die Frau zu. Diese spuckte ihm ins Gesicht. Da riß er, sich selbst vergessend, einen ge- ladenen Revolver, den er an diesem Tage zufolge ganz zufälliger Um- stände in der Tasche trug, heraus und schoß. Frau F. wehrte sich, floh ins Haus. T. verfolgte sie, und als der alte F. zu Hilfe kommen wollte, erschoß er beide. Ob dieser unbesonnenen Tat erschrocken, sank T. ermattet auf ein Bänklein vor dem Hause; da kam der Hund der F. herbei und leckte ihm die Hände. Auch dieses Detail trägt in der Erzählung T.s sehr ausgesprochen den Charakter einer abergläubischen Gedankenverbindung. Als T. aufstehen und davongehen wollte, regte sich Frau F. noch einmal; sich am Bänklein in die Höhe ziehend, richtete sie sich halb auf, streckte gegen T. die Hand aus und murmelte unverständliche Worte. Sofort packte ihn die Angst, sie wolle ihn verhexen mit Beschwörungs- formeln. Er zog sein Taschenmesser und hieb auf die Frau ein, bis sie tot war. Das weitere, die Flucht, Verhaftung usw. T.s übergehe ich. Nur noch eine schriftliche Äußerung T.s aus dem Gefängnis führe ich an: Er macht sich Vorwürfe, daß er gleich zum Revolver gegriffen habe, und fährt dann fort: "Ich tröste mich, sie muß durch irgendeine mir unbekannte Kraft sich meines Gedächtnisses bemächtigt haben und mich so irgendwie zu vernichten gesucht haben." In der Wohnung der Ermordeten fand man ein altes in Leder gebundenes Notizbüchlein. Es trägt die Jahreszahl 1812 und enthält auf den ersten Seiten alte Rechnungen. Weiter hinten aber sind in einer neueren, offenbar dem F. oder seiner Frau gehörenden Schrift eine ganze Reihe von Rezepten und Beschwörungen verzeichnet, von denen ich hier einige wiedergebe in genauer Abschrift:

"fürs Blut Glückselig ist die Stunde glückselig ist die Wunde glückselig ist der Tag Wo Jesus Christus für das Blut gestellen war. Im Namen Gottes des Vaters Im Namen Gottes des Sohnes Im Namen Gottes des Heiligen Geistes, Amen!"

"Resept für Henen. Auf der rechte Seiti die erst Henne in die Hand nehmen und in 3 höch- sten Namen vom Schwanz abhauen, die zweiti Hene auf der link Seiti in Hand nehmen in 3 höchsten namen ab dem Schwanz hauen, die zdritte Henn auf der rechti Seiti 3. in die Hand nehmen wieder im Namen Got- tes ab dem Schwanz hauen."

"Wenn die Kuh gekalbert hat, so gehe rücklings in dem Stall und sprich: Rücken rein Unglück naus, so bist du drinen."

"Wenn das Vieh nicht fressen will, so lege die Hände kreuzweis über einander, und fahre ihm damit über den Rücken vom Kopf bis zum Schwanz und sprich: Bist du besprochen bis an dein Ende, so schtreiche ich dich mit beiden Händen im Namen Gottes des Vaters im Namen Gottes des Sohnes Im Namen Gottes des Heiligen Geistes, so frißt es so bald es wieder hungert."

"Für den Kälbliblaß der Mist von dem Kälblein nehmen, in ein Säcklein tun und ins Kamien hencken bis es dür ist, dann fortwerfen."

"Satan geh aus diessen Stal heraus Heiliger Geist aber zieh du in diessen Stall hinein in den höchsten Namen Gottes." "Zauber oder Besti (Betnnässen?) Ich verbinde dir dein Wasser und vergrabe es dir mit dem Banden, womit Christus der Herr an eine Säule gebunden war also mußt du stille stehen, und nicht mehr gehen, wie der Jordan stille stand, da Christus der Herr mit seinen 12 Jüngern darüber gegangen, also mußt du stille stehen und nicht mehr gehen das mußt dreimal gesprochen werden, In drei höbhsten Namen, dreimol."

"für Veränkung Warme Geißbole verknäuste und darauf binden ist seehr gut. Also Gaismist."

"Eis guts Salb für Euter, Hundschmalz und süßes Butter sieden und Roth Ochsenzungenwurza dazu." "weißen Hennemist und süßen Butter dazu Ist auch ein gutes Salb für viles."

"Mittel für Augenwaschen. Im August im Neu von Weißtannenzapfen verschitten 6 Stück Tanzapfen zu einem guten ein Ltr. Schnaps an der Sonne Tischgiern."

"Hassenhaar Ist gut für Spissen ziehen."

"Für Freßblodern Fröschenleich gut."

"Gallsteinkrankheit Melchior Offermann jung., Magnetopath Köln, Steinfeldgasse 3, Telefon 7645."

Die F. waren verbitterte Leute, die ein einsames Leben führten. Schon das konnte sie in einer Gegend, wo alter Aberglaube noch verbreitet ist, in den üblen Ruf bringen, «sie könnten mehr als nur Brot essen». Das gefundene Büchlein zeigt deutlich genug, daß sie wirklich an abergläubische Praktiken glaubten. Daß sie sich damit abgaben, hatte ja schon das Knechtlein, von dem die Rede war, erzählt. Vielleicht hatte auch der nächtliche Gang der beiden, den T. beobachtet hat, einen abergläubischen Zweck gehabt. Jedenfalls gab es in dem Gebaren der beiden manches, was den ihnen nachspürenden jungen T. mehr und mehr in Angst bringen konnte. Den Tod des Bruders, das Unglück im Stall, die schwere Geburt bei der Schwester, alles schrieb er ihnen zu, und als ängstlicher Mensch hat er sicher schließlich oft auch für die eigene Person gefürchtet. So sind sie alle drei, die F. sowohl wie ihr Mörder, Opfer ihres Aberglaubens geworden. Über die einzelnen Aberglaubenmotive kann ich mich als Nichtfachmann nicht weiter auslassen. Sie sind wohl alle bekannt und haben wohl alle vielerlei Parallelbildungen. Nur das eine Motiv: der Kranz vom Leichenwagen, der im Geäst der Bäume des F. hängen bleibt und vom jungen T. als Verräter des bösen Verfolgers aufgefaßt wird, scheint mir ungewöhnlich. Doch läßt sich auch dieses Moment bekannten Märchenmotiven angleichen: dem des Märchens vom «Machandelbom» und dergleichen, und weiter dem der Märchen von den «blutenden Knochen»: Ein Teil des Opfers tritt in magischer Weise als Ankläger des Mörders auf.

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  1. Gesammelte Aufsätze, herausgegeben von K. W. Bash, Verlag Hans Huber, Bern