Ablassbrief von 1472

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Einleitung[Bearbeiten]

Einem Ablassbrief von 1472 ist zu entnehmen, dass bereits Mitte des 15. Jahrhunderts in Speicher eine Kapelle stand. Der Ablassbrief befindet sich im Landesarchiv in Appenzell. Transskribiert (wörtlich abgeschrieben) wurde er 1833 von Johann Caspar Zellweger. Der Brief zeigt typische Merkmale der Ablassbriefe jener Zeit, gibt aber auch historische Details zu Speicher und zur Organisation der katholischen Kirche jener Zeit preis.

Der Brief wurde in der lateinischen Transskription veröffentlicht in „Urkunden zu Joh. Caspar Zellweger’s Geschichte des appenzellischen Volkes, zweiter Band erste Abtheilung, Trogen 1833, Seiten 412 - 413).

Ablassbrief 1472 Speicher.jpg

Übersetzung[Bearbeiten]

Der Brief misst 57cm x 30 cm, die Siegel sind rund 5 cm lang. Die Übersetzung (im Juli 2018) nach der Transskription von Zellweger ist Dr. Renate Frohne zu verdanken. Zur besseren Verständlichkeit wurde die Darstellung des Originals (Lauftext ohne Absätze etc.) durch Absätze und Einzüge gegliedert.


Die Bischöfe Guiliermus von Ostia, Alanus von Praeneste und Franziskus, Diakon des heiligen Eustachius - mit göttlichem Erbarmen Kardinäle der allerheiligsten Römischen Kirche - senden allen und jedem einzelnen an Christus Glaubenden den vorliegenden Brief und einen ewigen Gruss im Herrn, sie mögen den vorliegenden Brief anschauen oder hören. Der Glanz der väterlichen [=Gottes] Strahlkraft, der mit Seiner unaussprechlichen Helligkeit die Welt erleuchtet, begleitet die gottesfürchtigen Gebete der Gläubigen, die ihre Hoffnung auf Seine Milde setzen, dann besonders mit gnädigem Wohlwollen, wenn ihre ergebene Demut von den frommen Verdiensten und Bitten der Heiligen unterstützt wird. Wir [die Genannten] wünschen also,

  • dass die Kapelle in der Ortschaft Spicher, in der Nähe (des Klosters) des Heiligen Gallus, zur Diözese von Konstanz gehörend, in gebührender Weise wieder hergestellt wird. Wir haben erfahren, sie bedarf recht aufwendiger Wiederherstellungen in ihren Strukturen und Gebäuden. Ferner dass sie [auf diese Weise] bewahrt und unterhalten wird und mit entsprechenden Ehren oft besucht und von den an Christus Glaubenden gemeinsam verehrt wird,
  • dass sie mit Büchern, Kelchen und anderem kirchlichem Schmuck, der im Gottesdienst benötigt wird, in gebührender Weise ausgestattet wird und
  • dass der Gottesdienst in ihr häufiger stattfindet und
  • dass die Gläubigen umso lieber zur Verehrung Christi zusammenströmen und zur Wiederherstellung, Bewahrung, Unterhalt und den anderen Vorausgeschickten besonders bereitwillig ihre hilfreichen Hände reichen, damit sie dort um so reicher durch dieses Geschenk der göttlichen Gnade erkennen, dass sie wieder belebt sind in ihrem Vertrauen auf die Barmherzigkeit des Allmächtigen und Gottes, sowie des Ansehens Seiner heiligen Apostel Petrus und Paulus.

Allen und allen einzelnen Männern und Frauen, die an Christus glauben und wahrhaft reumütig ihre Sünden bekannt haben, die an den Festen der Himmelfahrt der Heiligen Jungfrau Maria, der Geburt des Heiligen Johannes des Täufers, der Heiligen Maria Magdalena und des Heiligen Antonius, vom ersten bis zum zweiten Abendgottesdienst eben diese Kapelle ehrfürchtig besucht haben, und wenn sie ihre hilfreichen Hände, wie gesagt, zur Wiederherstellung, zum Unterhalt und zur Bewahrung und den anderen Vorausgeschickten gereicht haben, und zwar an den einzelnen Festen und genannten Tagen, an denen sie das taten, gewähren:

Wir, die eingangs genannten Kardinäle, und all jene von uns, die sich aufgrund der Fürbitten der uns in Christus geliebten Tochter Gertrud Hoczer, Klosterfrau des Heiligen Franziskus, tief verneigt haben, voller Erbarmen im Herrn hundert Tage Ablass von den ihnen jetzt und für alle Zeit auferlegten Bussübungen.

Dem zu aller und aller Einzelnen Bestätigung und Zeugnis Vorausgeschickten haben wir den vorliegenden Brief nun schreiben und mit unseren, der Kardinäle angehängten Siegel bekräftigen lassen.

Gegeben in Rom, im Gebäude unserer Residenz im Jahr der Geburt des Herrn 1472 in der 5. Indiktion, am 12. Dezember, im 2. Jahr des allerheiligsten Pontifikates in Christus, dank der göttlichen Fürsorge unseres Vaters und Herrn Sixtus IV.

Ablassbriefe - Historischer Hintergrund[Bearbeiten]

(nach von Steiger/Homberger: Zwei illuminierte Avignoneser Ablassbriefe in Bern in „Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte Band 17, 1957)

Unter Ablass verstand man im Mittelalter die Nachlassung der nach erfolgter Beichte auferlegten Sündenstrafen oder Pönitenzen (Kasteiung durch Fasten und Enthaltung, Almosen, Gebet). Diese Nachlassung beruhte auf der Schlüsselgewalt der Kirche sowie auf der stellvertretenden Genugtuung Christi und der Gemeinschaft der Heiligen. Sie konnte nicht nur durch den Papst, sondern auch durch die Kardinäle und die Bischöfe erteilt werden. Persönliche Ablässe betrafen nur eine bestimmte Person, enzyklische dagegen jedermann, der die darin genannten Bedingungen erfüllte. Einfache Ablassbriefe trugen nur einen Signatarnamen ; kollektive waren von einer Mehrzahl von Prälaten ausgestellt.

Einordnung Speicherer Ablassbrief[Bearbeiten]

Beim vorliegenden Ablassbrief handelt es sich demnach um einen enzyklischen Kollektiv-Ablassbrief. In der Gestaltung folgen die Kollektiv-Ablassbriefe einem Schema (she. Zusatztext in der Transskription von Johann Caspar Zellweger), von dem nur selten wesentlich abgewichen wird. Die Ablassbriefe wurden entweder verkündet oder sollten, an den Kirchentüren aufgehängt, die Aufmerksamkeit (Lesen konnten wohl die wenigsten, schon gar nicht Latein) der Gläubigen auf sich ziehen; sie zeigen deshalb oft auch Ösen, Schlaufen oder Nagellöcher am obern Rand, so verwendet sind sie eine Art «Ablassplakate».

Diözese Konstanz[Bearbeiten]

Speicher gehörte, wie die Abtei St. Gallen, zum Bistum Konstanz

Gertrud Hoczer[Bearbeiten]

Nachdem das 1393 gestiftete Bruderhaus im Bendlehn wohl kurz nach Mitte des 14. Jahrhunderts verwaiste, übernahm Gertrud Hoczer als Begine (Schwester des 3. Ordens der Franziskaner) um 1472 das verlassene und verlotterte Anwesen. Sie hatte wohl Beziehungen zu Konstanz und zum dortigen Franziskanerorden, nur so ist zu erklären, dass überhaupt ein Ablassbrief zustande kam.

Die Kardinäle Guilielmus, Alanus und Franciscus[Bearbeiten]

Die im Ablassbrief erwähnten Kardinäle Guilielmus ostiensis und Alanus Penestrini standen den Bistürmern Ostia, resp. Palestrina vor, die beide zur Kirchenprovinz Rom gehören, sie werden auch als suburbikarische Bistümer bezeichnet. Traditionell sind deren Bischöfe enge Mitarbeiter des Papstes, sogenannte Kardinalbischöfe. Kardinal Franciscus war Kardinaldiakon der Diakonie Sant’Eustachio in Rom. („Bischof“ der Kirche Sant’Eustachio, eines von 6 römischen Gebäuden, das den Titel einer Diakonie trug).

Ablassbrief Guilielmus ostiensis.png

Guilielmus ostiensis, auch Guillaume VII. d’Estouteville (*1403 in der Normandie) entstammte der Familie Estouteville, einem Haus des französischen Hochadels, und trat der Ordensgemeinschaft der Benediktiner in St-Martin-des-Champs bei. Promoviert zum Doktor des Kanonischen Rechts. 1439 wurde er Bischof von Angers, trat dieses Amt aber nicht an. Im September 1439 erfolgte bereits seine Ernennung zum Bischof von Digne. Von 1444 bis 1483 war er Abt von Mont-Saint-Michel auf der Klosterinsel vor der normannischen Küste, von 1453 bis 1482 schliesslich Erzbischof von Rouen. Darüber hinaus wurde er zum Administrator zahlreicher Bistümer eingesetzt. 1439 von Papst Eugen IV. zum Kardinal und im Januar 1440 zum Kardinalpriester von Santi Silvestro e Martino ai Monti ernannte. 1454 wurde er in den Rang eines Kardinalbischofs erhoben und erhielt das Bistum Porto-Santa Rufina. 1461 wurde d’Estouteville schliesslich Kardinalbischof von Ostia, womit er zugleich zum Kardinaldekan avancierte. Beide Ämter hatte er bis zu seinem Tod inne. Zudem war er seit 1477 auch Camerlengo [Finanzminister] der Kirche. Als Kardinal war er Teilnehmer der Papstwahlen von 1447 (-> Nikolaus V.), 1458 (-> Pius II.), 1464 (-> Paul II.) und 1471 (-> Sixtus IV.); Als Dekan des Kardinalskollegiums leitete er die Konklave von 1464 und 1471. Beim Konklave 1458 war er ein Favorit, musste aber Kardinal Enea Silvio Piccolomini den Vortritt lassen. Er ist Begründer einer der fünf heute noch existierenden römisch-katholischen Apostolischen Sukzessionlinien (kontinuierliche Weitergabe des Sendungsauftrags der Apostel und deren Nachfolger bis in die Gegenwart). (gekürzt aus wikipedia)

Alanus Penestrini, auch Alain de Coëtivy, entstammte dem Haus Coëtivy, einer Familie des bretonischen Adels, die seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts bezeugt ist und die Herrschaft über Coëtivy besass. 1465–1472 war er Kardinalbischof von Palestrina, dann auch Kardinalbischof von Sabina 1472–1474. Als Kardinal wäre er berechtigt gewesen, am Konklave von 1471 teil zu nehmen, als Francesco della Rovere als Papst Sixtus IV. gewählt wurde. Alain de Coëtivy war einer der sieben abwesenden Kardinäle (von damals insgesamt 25). Er starb 1474. (aus wikipedia)

Franciscus Sancti Eustachii diaconus, bürgerlich Francesco Todeschini Piccolomini (* 29. Mai 1439 in Siena; † 18. Oktober 1503 in Rom) übte ein nur 26-tägiges Pontifikat vom 22. September 1503 bis zum 18. Oktober 1503 als Papst Pius III. aus. Gestorben ist er an Gicht.

Pope Pius III.PNG

Francesco Todeschini Piccolomini wurde in der Toskana als zweiter Sohn des Juristen Giovanni de Todeschini und dessen Ehefrau Laodomia Piccolomini, einer Schwester von Papst Pius II., geboren. Schon früh hatte er die Gunst seines Onkels, des späteren Papstes Pius II. Dieser förderte seinen in bescheidenen Verhältnissen aufwachsenden Neffen. Francesco Todeschini Piccolomini studierte in Wien und Perugia Rechtswissenschaften und promovierte als Dr. iur. can. in Perugia. Sein Onkel Papst Pius II. ernannte ihn zum Domherrn in Siena und im Jahr 1459 zum Bischof von Siena. Am 5. März 1460 erhob er ihn zum Kardinal, resp. Kardinaldiakon der Diakonie Sant’Eustachio in Rom.

Während der Reise Papst Pius’ II. zur Eröffnung des geplanten Türkenkreuzzuges (1464) war Francesco Todeschini Piccolomini mit der Verwaltung des Kirchenstaats betraut. Durch die Kontakte in Wien und gefördert von seinem Onkel Pius II. erlernte er die deutsche Sprache. Das sollte seine Laufbahn in der Kurie entscheidend befördern, und es entwickelten sich viele nützliche Kontakte zu Deutschland und zu den Habsburgern. So war er nach dem Tod seines Onkels unter den Pontifikaten der Päpste Paul II., Sixtus IV. und Innozenz VIII. mehrfach ein Vertreter deutscher Interessen in der Kurie gewesen. Seine Zeitgenossen nannten ihn daher auch den Protector Nationis Germanicae. Im Jahr 1471 reiste er als päpstlicher Legat zum Reichstag nach Regensburg, wo er viele alte Kontakte auffrischen konnte, unter anderem auch zu den Habsburgern. Im Jahr 1494 führte ihn eine diplomatische Mission an den Hof von König Karl VIII. von Frankreich. Francesco Todeschini Piccolomini war ein grosser Kunstfreund und Mäzen. So beauftragte er im Juni 1502 Michelangelo, 15 Statuen für den Dom von Siena zu schaffen. (gekürzt aus wikipedia)